W E I T E R
Mindlife 1
Bist du Donna Karan oder Jil Sander ? Bist du Bruno Banani oder Calvin Klein ? Bist du Hugo Boss oder Girogio Armani ? Chanel oder Dior ? Eternity oder Moschino ? René Lezard oder Ralph Lauren ? Kenzo oder Aigner ? Kathleen Madden oder Gianfranco Ferré ? H&M oder C&A ? Joop oder Gaultier ? Nike oder Adidas ? Camel oder Wolfskin ?
Ein Mensch, dessen Himmel entgöttert ist, sucht sich neue Götter auf der Erde. Der
Mensch, dem kein Gott im Himmel mehr Heimat, Überich und Angehörigkeit in einer
höheren Ordnung und Welt mehr bieten kann - und damit eine höhere, also
unvergängliche, transzendentale Identität - der ordnet sich irdischen Göttern zu.
Die versprechen keine Schöpfung - nur die Neuschöpfung der vorhandenen
Geschöpfe, die sie, wie sich
selbst auch, plötzlich nackt außerhalb des Gartens
Eden vorfanden, der eigenen vergänglichen Unzulänglichkeit gewahr geworden.
Und da ihre Rückversetzung in den Stand vor der Vertreibung aus dem
Paradies, als man sich noch vollkommen denken konnte, ohne bekleidet zu sein, auch
ihnen nicht möglich ist, verheißen die neuen Götter Adelung durch Verhüllung, Erhöhung
des Erniedrigten durch die Schöpfung einer temporären Hülle, die als Fruchtblase der
neuerlichen Emporgeburt des in ihr befindlichen Menschen zu (s)einer verlorenen
höheren, vollkommenen Existenz und Identität zu dienen verspricht. Das kleine,
unsichere, fragile Ich des volatilen, auf die Erde geworfenen Menschseins, der
Eudämonie als vollkommenes Geschöpf beraubt, strebt ständig und beständig nach
erneutem Ein- und Aufgang in die dauerhaftere, höhere und bedeutungsvollere
Seinswirklichkeit, und die neuen Götter verkaufen sie ihm: Als temporären Schein
eines verlorenen Seins, dem tatsächlich banalen, profanen, vergänglichen Sosein
entrückt und in jeder Größe passend verfügbar.
Auch ein Thomas Gottschalk genügt sich nicht als solcher, sondern erstrebt,
sucht und findet seine wertige und höherwertige, dauerhafte
und signifikante Identität im Schalk eines anderen Gottes, ordnet sich
identitätslos ein und anonym unter und verordnet sich zu Selbstdarstellungszwecken
eine "höhere" Identität, ist "drunter" und "in Wahrheit" ein anderer, ein anderes
Ich und Überich: öffnet auf der Bildschirmbühne aufwendig Gürtel und
Hose (mit einem Schottenrock hätte er's leichter gehabt), und entblößt den Schriftzug
seiner CK-Unterhose, um einem Spice Girl mit seinem "Branding"
des postmodernen Herden-Mitglieds zu imponieren - ist auch Klon und vom
Stamme der Soundso, Angehöriger einer besseren Genese, Zugehöriger (s)eines
größeren Herrn und dessen ergebener Diener, stolz darauf, seinen
Namen auf der Haut zu Markte zu tragen.
Der Mensch, der sich nicht mehr in einem Höheren repräsentiert fühlt,
verstoßen und orientierungslos unter einem gottlos gewordenen Himmel, fragt nach
irdischen Repräsentanten, in deren Namen er auf der Bühne
des Lebens und der Welt agieren
kann, die ihm die verlorene "höhere" Legitimation seiner "niederen" und nichtigen
Existenz verleihen, sozusagen anheften und ihn mit Zugehörigkeit zu ihrem Pantheon
weihen und ausweisen, semitranszendental aufwerten können. Und so sich ihm keine
anbieten, sucht er sich welche. Denn im Unterschied zum alternativlosen
Schöpfer des Ursprungs, der sich seine Geschöpfe selbst beiordnete, wächst und
wuchert das Sortiment der Nachschöpfer des Vorgefundenen beständig weiter, und das
Geschöpf hat die gefühlte Freiheit, sich seinen "Neu-Schöpfer", und damit
die eigene "höhere" Wunsch-Identität, selbst nach Belieben wählen zu können.
Die modernen Götter sind keine toten Holzskulpturen, keine vergoldeten Plastiken
animalischer Vorbilder mehr, sondern lebendige, aus Fleisch
und Knochen und Blut
wie du und ich, aber eben doch mehr als du und ich: stoff- und duftgewordene
Göttlichkeit, transzendent materialisierte Erhabenheit. Sie sind das Ideal unserer
selbst, oder besser: eines der Ideale unserer selbst, die wir uns wählen oder schaffen
würden, hätten wir genügend Verständnis und Phantasie zur Autogenese, eines
der Ideale, die wir uns, Prêt-à-porter oder Haute couture, an- und
überziehen können, ohne Gegenleistung, ohne mühsame Annäherungs- und
Entwicklungsanstrengung unsererseits, und ohne daß wir uns um die Raffinade, die
Entledigung und Sublimierung unserer eigenen Gewöhnlichkeit und Unzulänglichkeit
zu bemühen hätten.
So erhaben die neuen Götter - nun nicht mehr aus brennenden Büschen auf Bergen,
sondern auf Bühnen, von flimmernden Medienschirmen und Großleinwänden zu uns sprechend,
sich mit 25 Belichtungen pro Sekunde bewegend oder in einer verewigt - auch sein
mögen, so exaltiert sich ihre Vorbild- und Priesterhaftigkeit auch (re-)präsentiert,
so dürftig und rudimentär, schäbig und problemlos erfüllbar sind ihre Gebote und
Forderungen. Das Bekenntnis zu ihnen, das sichtbare Tragen ihres Symbols und ihres
Namens auf Kleidung und Accessoires, ihr identifizierbarer Geruch am Puls und hinterm
Ohr, auf Haut und Haar, der bilanzträchtige Obulus aus unserem Portemonnaie
in ihrer Kasse genügt ihnen als Zugehörigkeitswürdigkeit und -legitimation. Der
Marketing gewordene Ablaßtraum, der uns von unsren Schwächen und Sünden und
Unvollkommenheiten reinigt und befreit, die wir nicht einmal wahrnehmen oder als
solche realisieren und überwinden müssen, solange wir den Ablaßnachweis
als Logo-Beleg auf dem Stoff und auf der Haut tragen und zur Schau stellen, die wir
nicht mehr überkommen, nur noch überziehen müssen, versetzt uns ad hoc
und qua si, wenn auch nicht dauerhaft, sondern ständig wiederholungs- und
erneuerungsbedürftig, in jenen erlösten Zustand des "zuhause" und "angekommen" Seins
in einer höheren, besseren Identität, die uns veredelt und entniedrigt fühlen, atmen,
denken und leben läßt, aller Profanität und Sterblichkeit unseres digmatischen
Schicksals entkommen.
Der Mensch hat seine unbequemen Götter abgeschafft, um sich bequemere anzumessen und maßzuschneidern, besser: maß-schneidern zu lassen. Veträgliche, nicht mehr anspruchsbetonte, sondern umgängliche und bezahlbare: Nicht mehr der Mensch muß einem Maß entgegenstreben, Ansprüchen genügen und ihnen zu entsprechen versuchen - das Maß paßt sich ihm an, kommt ihm entgegen, umhüllt und veredelt auch den unzulänglichsten Status mit erwerblicher Instant-Vollkommenheit, paßgenau und prêt à porter.
Der Couturier unserer finalkapitalitischen Niedergangsgesellschaften ist kein
Schneider mehr, der unsere Witterungs-, Arbeits- und Lebensbekleidung entwirft und
verschönt - er ist deus creator spiritus, der uns als Menschen ständig neu
erschafft. Der biologischen Genese der Zeugung und Geburt als Homo animal
folgt die moderne Genese als Mensch durch den Schöpfer unserer formalen Identität,
als seines selbst bewußten "Ichs", das sich, paradox und vernunftlos genug, nur
dann als Individuum
versteht und schätzt, wenn es sich einer Gruppen-Identität
zugehörig und eingekleidet, "embedded" verstehen darf. Ganz "Schöpfer"
(Designer), dessen Geschöpfe mit einem doppelten Auftrag in die Welt entlassen
werden, nämlich als selbständige Einzelwesen einer gattungsspezifischen Legislative
zu entsprechen und diese durch Belebung zu erfüllen, treten die neuen Götter des
Vêtementarismus und der Odoratrie mit dem Anspruch an, "die menschliche Person so zu
modellieren, daß sie ein doppeltes Postulat erfüllt: nämlich Individualität und
Vielheit zugleich zu verkörpern", wie Roland Barthes in seiner Mode-Studie (Die
Sprache der Mode, edition suhrkamp, NF318) treffend feststellt. Wenn Abweichungen
die Norm nicht mehr verlassen, sondern repräsentieren, ist alles
Gattung und nichts mehr individuell: "Be good. Be bad. Just be." (Calvin
Klein).
Auf eine erschreckend belang- und substanzlose Weise verstehen es die Demiurgen
unseres bedeutungslos gewordenen Daseins, mit dem "ernstesten Thema des menschlichen
Bewußtseins - Wer bin ich? - nur zu spielen" (Barthes). Sie kümmert der Preis
nicht, den ihre Geschöpfe
zu zahlen haben - sie sind nur am Preisschild interessiert.
"Das Spiel der Kleidung ist hier kein Spiel mit dem Sein mehr, die bange Frage
des tragischen Universums, sondern einfache Klaviatur von Zeichen" - also die
entseelte Simulation der längst vergangenen Semiotik eines sinnvollen Universums,
ein Ersatz, der als pure Obsession des Scheins den neuen Göttern dazu dient,
die Besitzergreifung von Menschen und deren Einvernahme in den eigenen Bann, die
eigene Gemeinde abhängiger Götzendiener, "stets zu verharmlosen und damit die
Frage nach der Identität ins Belanglose zu ziehen" (Barthes). Dieser Ausverkauf des
Selbstes, den der Gläubige zu leisten hat, ist der höchste Preis, den der Mensch in
seiner Geschichte der Selbstsuche und Selbstfindung bisher je zu zahlen hatte -
nämlich
den der wirklichen und wahrhaftigen metaphysischen Dimensionen seines
Daseins und seiner Individualität, den ihrer Nachfrage und wachsenden Erkenntnis.
Doch zugleich - und als Belohnung für das Opfer eines wahren, gehaltvollen, bedeutenden höheren Ichs - verheißen die neuen Götter Unsterblichkeit: die Unsterblichkeit des niederen, temporären, unzulänglichen Da- und Soseins. Genauer: das Überleben, noch treffender: das permanente Überleben aller Tode in einem ständigen Zyklus ständig erneuerter Wiedergeburten. Ihr einziges Gebot, ihnen zu folgen und ihren Namen, ihr "Zeichen" zu tragen, erlaubt es uns, die eigene Identität bedenkenlos zu verlieren, zu opfern, aufzugeben und zugleich in einem ständigen Wechsel verordneter "neuer" Identitäten neu geboren zu werden und eine Saison, also ein Leben lang zu sein.
Der Obulus unserer diesjährigen "Geburt" in der diesjährigen "Schöpfung"
unseres persönlichen "Gottes" besteht nicht allein aus dem zu entrichtenden Kaufpreis
und der Akzeptanz des neu verordneten Selbstbildes - sondern auch in der Erfüllung
des Gebots der Vernichtung
unserer letztjährigen Identität, der Entwertung seiner
letztjährigen Schöpfung und deren Beseitigung zugunsten der "absoluten, dogmatischen,
rachsüchtigen Gegenwart", einzig legitimiert durch das barbarischste aller
Gesetze, das den Uranfängen der menschlichen Existenz entstammt, nämlich "dem
Naturrecht der Gegenwart über die Vergangenheit", also jener "Aggressivität, deren
Rhythmus der der Blutrache" ist, die aber in der Verheißung und scheinbaren Erfüllung
eines gegenwärtig neuen und immer wieder neuen Lebens in einer wieder nur
vergänglichen, zum Blutopfer bestimmten Gegenwart und Daseinsform ihre "Gründe"
findet und aufrecht erhält, die "höflich oder bedauernd über den Mord hinwegsehen
lassen, den die Mode an ihrer eigenen Vergangenheit begeht" (Barthes) - und damit an
unseren jeweils wechselnden Identitäten.
Die Ikonen der neuen Religion, ihre Ab- und Vorbilder sind, wie ihre Schöpfer,
längst keine toten Holz- und Metallgötzen mehr, sondern (wenn auch immer noch von
Künstlerhand kreierte) "Mustermenschen",
die die schizophrenen Bedingungen des neuen
religiösen Katechismus, nämlich individuelll und gruppenspezifisch anonym
und repräsentativ, also phänotypisch und genotypisch zugleich zu sein, vollkommen
erfüllen und in idealer Weise verkörpern. Das Model, das die Mode zur Schau
trägt, um die Genese der Inkarnation der vielen in ihren spezifischen Bedingungen
darzustellen, repräsentiert das Paradox, das das neue Menschenbild der
Schöpfergötter für jeweils eine Inkarnation, also eine Saison, in idealer Weise
verkörpert, da sein Körper einerseits individuell charakterisiert ist, andererseits
aber den Wert einer "abstrakten Institution" hat, reine Form ist, die keinerlei
Attribute aufweist und so "als eine Art Tautologie auf die Kleidung selbst
verweist"
(Barthes) - semiotisch also eine Sprache ohne Sprechen darstellt.
Diese aussagelose Aussage und bedeutungslose Bedeutungsgebung, die die Gesetzlichkeit der neuen Götter und ihrer Ikonen markiert, stellt zugleich ihren wichtigsten Marktfaktor dar, der den eigentlich individuellen Körper und Träger individueller Persönlichkeitsinformationen vollständig zugunsten eines beliebigen, verordneten, konturenlos austauschbaren Bedeutungssystems, der jeweiligen Gruppenidentität, verdrängt.
Wenn aber aussagelose Simulation, bedeutungslose Mimesis nur noch tautologisch
auf sich selbst verweisen - der Signifikant, ganz un-verschämt, nur noch sich
selbst als Signifikat postuliert -, die "Tiefen-Ästhetisierung" (Wolfgang Welsch)
also ihre konsequenteste Vollkommenheit bedeutungsloser Formalisierung erreicht hat,
dann ist der
Mensch nur noch persönlichkeitsfreie Formgebung, ästhetische
Zeichenschöpfung ohne Referenzdimension, entseelte und enthirnte Formalität, die in
dieser selbst ihren Platz und ihre Bedeutung in der Welt definiert, und nicht etwa
aufgrund zum Ausdruck gebrachter seelischer Verfassungen oder geistiger
Positionen. Die kollektive Entgeisterung des Menschen schafft sich ein
Zeichensystem, das nur noch sich selbst kommuniziert, um den Verlust
inhaltlicher Aussagen und Bedeutungen zu verschleiern, sie sogar endgültig
zu eliminieren: Nicht mehr nur "Mehr sein durch scheinen" ist das Credo der
postkognitiven Weltkultur, sondern: "Schein als Sein" selbst.
Und da "die Kleidung als Teil des Leibes auf die Seele zurückwirkt" (Ot Hoffmann,
Kleidung statt Mode, ftb 880/4086), beschränkt sich die Genese der neuen
Schöpfergötter nicht allein auf den Körper, sondern formt, ja diktiert die
psychische Identität, das mentale Ich des Menschen
schlechthin. Auf der
Strecke bleibt dabei der Mensch herkömmlicher Schöpfung und Gestalt, das
autopoietische Ich, das einst dem transzendenten Gott und seiner Ethik
folgte und seiner Inkarnation noch sinnvolle und fruchtbare, also inhaltliche und
dauerhafte Identität abzugewinnen wußte - das Ästhetik noch als Formgebung der
Ethik verstand. Und damit verbunden auch das Orientierungspotential des Menschen
in der Welt der ihn umgebenden Zeichen: Wo nur noch autoreferentielle,
sinnleere Zeichengebungen den Wahrnehmungshorizont bilden, wird Orientierung
unmöglich, denn keines der semiotischen Signale seiner Welt und Umwelt haftet mehr
als Entsprechung und Referenz an einem adäquaten, korrelierten Sinn-Träger.
Bewußtsein und dessen Bildung wird in einer absurd
gewordenen Welt unmöglich, und
die Haltung und das Verhalten des Menschen gestaltet sich entsprechend belanglos,
inhaltsleer, in hohem Maße formalisiert, aussagelos despiriert.
"Be yourself" ist das verlogene Gebot der Götter, die nichts zu sagen haben,
nachdem der Gott, der etwas zu sagen hatte, nichts mehr zu sagen hat, und sie
meinen damit das Gegenteil: "Be our zombies." Die neuen Götter erwarten keine
Laudatio, sie gebieten ihre Labels. Nicht Bekenntnis, sondern Zugehörigkeit, nicht
Ausdruck geistiger Werte, sondern geistloser Eindruck sind ihr Credere und
Auftrag - und die Erlösungsverheißung wird nicht auf ein Höheres, in ein Jenseitiges
verlagert, sondern realisiert sich im Niederen, Diesseitigen, und durch sich selbst:
durch die Zugehörigkeit, den Eindruck, der das Niedere augenblicklich und diesseitig
in ein magisches "Höheres" verwandelt. Der Mensch hat die Religion abgeschafft,
pflegt sie allenfalls nur noch als
wöchentliches Terminritual, um sich selbst in einem jederzeit verfügbaren, überall
käuflichen und alltäglich als Lebensform zelebrierten Instant-Aberglauben ein bloßes
Sosein als Ersatz für sein verlorenes, sinnvolles Dasein einzurichten.
Für diesen "Kick" nimmt man seine schnelle und immer weiter beschleunigte
Vergänglichkeit, Unbeständigkeit, ja Wertlosigkeit in Kauf: "Buy now, think later
(or never)" ist das geistlose Verhaltensdiktat der neuen Götter, und nicht das
"Be here now", das etwa die Hippies jedem hohlen, veräußerlichten Lebens- und
Strebenswahn entgegensetzten. Eine Philosophie, die Gott los ist, weil sie zu dumm
war, sich ihn zu erhalten, und zu blind, ihn im geistigen Blickfeld zu bewahren, hat
die Menschen auf das Sicht- und Greifbare verwiesen, das ihnen keinen Trost, aber
Halt zu geben vorgaukelt - mit dem Ergebnis, daß sie das Sicht- und Greifbare in
den
Rang des Göttlichen, dessen Schöpfer zu ihren neuen Göttern erhoben haben.
Auch das Profane erstrebt seine Sakralisierung - oder besser: Im Profanen allein
kann der Mensch sich nicht erkennen, und steht ihm kein Fanum zur Verfügung,
sakralisiert er ein Säkulum.
Auch ein verlorener Verstand strebt danach, sich eine Ordnung zu geben, und wo
diese Orientierung fehlt, gestaltet sie sich beliebig: Nach dem Belieben anderer.
Wo das Zulängliche, als Vision aus dem Blickfeld geraten, unerreichbar scheint,
geriert sich das Unzulängliche, aber Verfügbare als Orientierung, der Status wird
zum Maßstab. Jedes Streben entfällt und ersetzt sich durch ständig wiederholte,
ständig
erneuerte Kaufvorgänge. Das Käufliche muß nicht erstrebt, nicht erreicht
werden - es ist überall und jederzeit verfügbar.
Diese Entäußerung unseres Ichs, unsere Selbstverfügung an die Veräußerung von kollektiven, Ware gewordenen Identitäten, trägt glamuröse Namen. Deren Aura wird zum profanisiert-transzendenten Jerusalem, in das einzuziehen man keinen Kniefall, nicht einmal ein Gebet braucht - ein Kassen-Bon genügt. Und wir tragen den Paß, die ID-Card der fiktiven himmlischen Urbanität und Einwohnerschaft, für jeden sicht- und riechbar mit uns herum - in Hirn und Hose, auf und unter der Haut.





