U N Z I P P E D 2
_________________________________________________________________Erde 1:1
G-00-GLE.CN
Das geniale Projekt, ein digitales Komplement, ein Daten-Double unserer Erde im
Ist-Zustand zu schaffen, mit allen Zivilisationen und gewordenen Realitäten, hat
vorübergehend einen Rückschlag, wahrscheinlich nur eine
Verzögerung erfahren, die allerdings nicht von langer Dauer sein wird. Das
noch von keinem richtig begriffene Endzeit-Projekt "Google", eine vollständige
Image-Datei unseres Planeten zu erschaffen, die - nach der sich vorbereitenden
Apokalypse ursprünglicher Bedeutung - als ISO-Image auf den verbliebenen
Sonnentrabanten zurückgespielt werden kann, um den letzten Backup-Zustand
vor der Katastrophe wieder herzustellen, dürfte sich zwar als idealistische Illusion
erweisen, ihr Informationswert für künftige Generationen aber wird zweifellos von
grandioser, allumfassender Bedeutung sein. Sofern noch ein intaktes Eee-Book
sie auslesen kann.
Wen juckt es da, ob die chinesischen Betonköpfe eines unkommunistisch-despotischen
Konfuzianismus sich dem banalen Datenflow des kommunikativen Alltags als
Zensurschleuse zwischenschalten, um die Freiheit des Denkens und die weitere
Individualisierung ihres menschenverachtend als kollektive Masse
definierten
Menschenbildes weiter zu verhindern, zumindest einzuschränken. Das Medium
ist die Botschaft, und die hat die chinesische Bevölkerung längst erreicht, ist
ihr nicht mehr auszutreiben, und wird auch hinter einer vorübergehend wieder
errichteten chinesischen Firewall die Entfaltung und Entwicklung eines
freien Bewußtseins weiter energetisieren. Nichts erträgt der Mensch, auch der
chinesische, auf Dauer weniger als Leere, ein empfundenes Defizit - und "Leere
ist nicht da, wo nie etwas war, sondern wo einmal etwas gewesen ist" (Goethe).
Für die derzeitigen Machthaber in China allerdings wird als Erinnerung an
ihren vergeblichen Google-Boykott nur die Leere der Doppelnull an der Tür ihres
himmlischen Örtchens bleiben.
Ein Land mit einer Kultur, einer Bevölkerung, die in ihrer bis heute ungebrochen
linearen Geschichte noch nie einen Überbau, eine Metaphysik, einen "Götterhimmel"
kannte (und wenn, wie er im
Taoismus gelegentlich durch die Wolkendecke über der
Erde durchschimmerte, dann nur verlachte, da man die eigene, dieseitig-irdische,
naturphilosophische Weisheit höher bewertete) und deshalb immer nur idealisierten,
autokratischen weltlichen Herrschern und ihren Allmachtsbeschlüssen
unterwürfig diente, braucht einen buchstäblich langen Marsch der
Bewußtseinsentwicklung hin zu den selbstverständlichen Paradigmen eines
freiheitlichen Menschenbildes, und die Lichtgeschwindigkeiten der Datenautobahnen
beschleunigen diesen Prozeß bereits enorm.
Doch selbst bei uns im Westen sind diese Paradigmen in vielen Ländern nur
theoretische Leitlinien, in der gelebten alltäglichen Praxis gesellschaftlicher
Realitäten gibt es überall, immer noch und immer wieder archaisch-anachronistische
Westerwelles, LePens und
Berlusconis mit partiellen, aber keineswegs nur temporären
Kognitionsinsuffizienzen diverser ideologischer Provenienzen. Und hat nicht gerade
erst das Bundesverfassungsgericht uns vor der Chinaisierung unseres digitalen
Datenverkehrs retten und schützen müssen, weil ein rollstuhlfahrender Innenminister
partout die komplette Verwanzung aller Datenwohn- und Arbeitsräume, die lückenlose
Protokollierung aller Telefonate aller Einwohner des Landes, eine
"Vorrats- Datenspeicherung" der stumpfsinnig-gestrigen Art und Intention und so ganz
anders als die inspiriert-luziden Google'schen Kultur- und Zivilisationsprotokolle,
als notwendige Prophylaxe gegen die ständig und überall lauernden Gefahren
terroristischer Anschläge betrachtet hat ? Sie alle sind längst noch nicht in einer
total veränderten und sich weiter dynamisch verändernden Welt angekommen, die bisher
nicht einmal ansatzweise eine lesbare, zielgerichtete Ordnungsdynamik erkennen läßt,
die diese Bezeichnung verdient hätte - und sie sind es nicht, weil ihnen schon
gestern die erforderliche geistige Grundausstattung fehlte, die "alte" Welt und ihre
Ordnung richtig zu verstehen.
Die große chinesische Mauer des Mittelalters steht bis heute als Kulturdenkmal,
als Relikt eines längst vergangenen Verständnisses von Internationalität zwischen
den Völkern. Sie bietet heute einen
unvergleichlich meditativen Besichtigungsparcours
durch die Schönheiten und Weiten der chinesischen Landschaften, über die Bäume und
Berge Chinas hinweg. Die chinesische Zensur-Firewall dagegen wird sich in einem
Strohfeuer vergeblicher Anstrengungen selbst verzehren, bevor noch die "Enter"-Tasten
der Staatscomputer an die nächste Generation ergebener Administratoren übergeben
worden sind.
Und das jahrhundertealte, bauchnabelperspektivische chinesische
Pendant zu unserer
Sozialfloskel "Wie geht's ?", das "Haben Sie heute gut gegessen ?" eines aus dem
zeitlos-alltäglichen materiellen Lebenskampf resultierenden, verengten
Geisteshorizonts wird sicher in nicht allzu ferner Zukunft endgültig durch eine
erstmals etwas höhere und größere Daseinsperspektive verdrängt sein, die da lautet:
"Heute schon gegoogelt ?".
Sicher ? Was ist schon sicher in einer Welt, in der alle Eckwerte einer
vernünftigen Weltordnung, gesellschaftlicher Grundverständnisse und
menschlich-ethischer Prämissen immer mehr
auseinander driften, besser: von aberwitzigen Kapital- und damit
Degenerationsmachthabern auseinander getrieben werden. Vielleicht fällt uns ja auch,
wie Majestix, der CEO des kleinen, unscheinbaren Gallierdorfes im Nordwesten seines
Landes immer schon befürchtet hat, vorher "der Himmel auf den Kopf."

Betrachtungshöhe - und der Weite des panoramischen, "unembedded" freigeistigen
Horizonts. An meinem lasse ich Sie hier gern immer wieder teilhaben. Ächzen Sie mit
beim distanzierten Blick auf die Blätter unseres Print-Waldes und ihre Spreu, das
Online-Laub im Web. Gänzlich...

