U N Z A P P E D 4
100-faches Ännchen Will
"STARKE FRAUEN"
Daß der heutigen Welt die Werte und Maßstäbe fehlen, und deren Fehlen ein Verstehen der Welt, und damit ihr Steuern und Gestalten, unmöglich macht, ist in allen gesellschaftlichen Bereichen, auf allen Feldern und bei allen Zeitgenossen aller Schichten und "Klassen" offenkundig - und Mit-Ursache aller Übel zugleich, ihres Fortbestands und ihrer Verschlimmerung. Umso mehr bemüht sich das enthirnte, somnambul-entwaffnete Zeitgenossenbewußtsein, und sei es "bloß so", zum Schein und zur Selbstberuhigung, sich Maßstäbe zu geben, sie sich vorzutäuschen, ihre Formen zu imitieren, um sich "an ihnen zu orientieren" - seien diese auch noch so abwegig und unreflektiert, illusionsproduziert und -produzierend. Hauptsache, man weiß "irgendwie Bescheid", "was los ist", "worum es" und vor allem "wo's lang geht"!
Als rührenden Ausklang des Jahres,
im Oktober/November 2007, entnebelte sich das
"kritisch"-embeddede Medienmagazin "ZAPP" (NDR) nicht, von seiner Moderatorin Inka
S(chneider) ein Potpourri von deutschen Bildschirm-Mattscheiben wie Mutter Sonja
M(ikich) und Töchter Maria G(resz), Anja R(eschke), Anne W(ill) u.a. dem Zuschauer
als "starke Frauen" präsentieren und Spalier flimmern zu lassen. Die angestrengten
Vier tun ja, für jeden jede Woche zu besichtigen, jede auf ihre Art das jeder
Mögliche, mit Mutter und Töchtern Kathy, Paris und Nicki H(ilton), bekannt von
Bildschirm, Benefiz und Ballroom, in ihrem eigenen medialen Grenzenrahmen zu
konkurrieren - aber "starke Frauen" sind auch und gerade ihre Vorbilder nicht,
zumindest was funktionsrelevante Qualifikationen und Qualitäten der Fernseh- und
Medien-Programmgestaltung anginge. Und um die ginge es doch hier, bei ihnen
selbst - oder etwa nicht ?
Worin also soll die "Stärke" dieser lächerlichen, Innenwelt(papi)-beseelten
Senderkantinen-Pomeranzen und Sandkasten-Kostümdiven bestehen ? In ihrer notorischen
Unfähigkeit, kritische bis skandalöse Gesellschafts- und Weltentwicklungen in der
neoliberal archaisierten Global-Plutokratie so zu benennen, zu entblättern, zu
analysieren und zu
erläutern - oder auch nur zu begreifen ? In ihrer system-immanenten,
affirmativ-überbaufreien Mecker-Kritik auf Waschweib-Niveau (mit Treppenhaus-Empörung
über Lehrlinge als billige Arbeitskräfte, wie es seit den 50er Jahren immer wieder
regelmäßig ein beliebtes, kleingeistig-"kritisches" Spießergezeter ermöglicht, ohne
daß dadurch je etwas daran geändert wurde) ? In
ihrem fehlenden Geisteshorizont, über den Tellerrand des Einzelphänomens
hinauszublicken und Zusammenhänge herzustellen, die ein Gesellschafts- und Weltbild,
ein wirkliches "Panorama", wirkliche Erkenntnisse und daraus resultierende Haltungen
erst ermöglichen? In ihrer untertänig-angepaßten "Embedded Idiocy" des omphaloskopisch
begrenzten Betrachtungshorizonts aller Wirklichkeiten durch die Senderröhre des
Mitmachens, der entinteressierten Abwesenheit einer/jeder engagierten
Positionsbestimmung ?
In ihrem Unvermögen, für die Entrechteten, Geopferten und Prekarisierten aller
Welt- und Gesellschaftsbereiche, einer/jeder Erkenntnis und Darlegung der
strukturellen, system- und ideologiebedingten Ursachen aller solcher Mißstände,
einer/jeder Forderung nach Änderung und (Wieder-) Herstellung verfassungskonformer,
sozialer und menschenwürdig verfaßter Wirtschafts- und Lebensgrundlagen einzutreten,
diese auch dauerhaft zu vertreten ? Keine Ahnung oder auch nur Vorstellung
davon zu haben, wie diese auszusehen, unter- und überbaut zu sein hätten ?
Oder besteht ihre "Stärke" etwa nur darin, lediglich eine "starke Leber" zu haben, um mit männlichen Ressortleitern beim feuchtfröhlichen Jahresausklang-Strip-Pokern ein Extra-Budget für Bildschirm-Mode auszuhandeln ?
Da muß bei "ZAPP" irgendwie, irgendwo ein zappendusterer "Innenwelt"-Somnambulismus
die Hirne gequirlt haben, die Grundorientierung und das Panorama trüben, ohne jegliches
relevante Profil, jeglichen Maßstab, jegliche adäquate Meßlatte einfach ein paar
beliebigen Teleprompter-Mäuschen einen halluzinativen Status von irgendwie "starken"
Frauen anzudichten, ohne jeden Hinweis (und vermutlich ohne jede Vorstellung davon),
worin diese "Stärke" denn bestehen soll, wie sie überhaupt zu definieren und zu
verstehen wäre.
"Starke Frauen" - dämlich, aber wahr - klingt halt so toll, wenn
allein die Auftrittsfrequenz auf dem Programmnischen-Bildschirm die Meßlatte vertikal
justiert, nichwah ?!
Ist "stark" das mundtote, aber quotensichere Bildschirm-Dasein der knarzenden Scheunentor-Scharniere Ännchen Will, die trotz eigennamentlicher Benennung einer Sendung in eben jener keinen kritischen Satz zustande-, hin- und rauskriegt, weil sie in ihrer Hybris vertraglich keine "Unterhaltungs-Sendung" machen wollte, wie die erfrischend kritische und tabulos-intelligente, mundquicklebendige Vorgängerin und starke Frau Sabine Christiansen, sondern lieber eine Boeyh!-"Politik-Sendung" mit ARD-intendantlichem Redeverbot ? Und würde sie überhaupt etwas zu sagen haben, wenn sie den Vorstandsrunden-Maulkorb los wäre - und, wie ihre Vorgängerin, endlich mal was anderes sein könnte als das anthropomorphe Studiomikrophon einer belanglosen Politiker-Unterhaltungsrunde?
Aus der Sicht "embeddeder" Profillosigkeit bis zur Erkenntnisabwesenheit hört
sich das freilich so an: "Anne Will ist die Politik-Talkerin Nummer eins. Ihr gelingt
es immer wieder, der politischen Debatte
Impulse zu geben - und das in einer Art,
die ein großes Publikum anspricht. Ich gratuliere ihr herzlich dazu, dass sie
es jeden Sonntag schafft, ihrem TV-Publikum auch schwierige Themen nahe zu bringen."
(NDR-Intendant Lutz Marmor zur 100. Sendung am 13.12.2009.) Und sich dabei,
ganz HaJo Friedrichs-belanglos
und beliebig Status-affirmativ, "mit keiner Sache gemein macht, auch nicht mit einer
guten" ? So plätschert halt das Rinnsal des Programm-Füllstoffs an jeder Realität
vorbei und über sie hinweg, bis zum bitteren Ende, an dem wieder mal, wie schon so
oft, jeder, zu seiner Entschuldigung, "doch auch mal über alles geredet", aber halt
nie etwas gesagt, sprich: gefordert und bewegt, gar erhellt oder verändert
haben wird.
Es bleibt der Verdacht, es handelt sich um die, dann tatsächlich "starke", Verblendung, auf dem Bildschirm zu erscheinen und einen Teleprompter ablesen oder ein paar Sätze frei vortragen zu können sei "stark" genug und adle jede Person und ihre Bedeutung, inflationiere sie per se und an sich in den Rang der Schönen und/oder Reichen und/oder Berühmten und/oder so. Also so'ne Art "Stärke" aus visuellem "Bekanntheits"-Status, ein fiktiver medialer Glamourident, der dem von international bekannten Laufsteg-Funkenmariechen à la Linda E(vangelista), Cindy C(rawford), Heidi K(lum) und Giselle B(ündchen) gleichkäme, nur eben irgendwie "lokaler", "medialer begrenzt", "nicht ganz so glamourös / laufstegig" - halt, ein klein wenig nur, "alltäglicher" ?
Vielleicht sind sie aber auch nur bei der Vorauswahl zu "Germany's Next Top-Model"
ausgeschieden und
haben das unbeschadet und unbeeindruckt weggesteckt - waren sie
doch schon zum Casting für's Reportage-Fernsehen gebucht ? Oder sind sie gar
"starke" Ya-Ya-Schwestern, die mit somnambulem Studio-Schleierblick über
irdisch-nüchtern-objektive Maßstäbe einfach hinwegschielen können ?
Erst als ich mich im April des Jahres 2009 erstmals auf der Homepage des NDR ein
wenig umsah und das Beauty-Glamour-Gemälde einer unbekannten Schönheit entdeckte, die
fälschlicherweise als Anja Reschke bezeichnet wurde, und anschließend minutenlang
laut und schallend lachen mußte, als ich begriff, daß das tatsächlich das
Wunsch-Selbstbild der herben Kante Anja Reschke vom Bildschirm sein sollte, war das
Phantasie-Gemälde nach wenigen Tagen von der NDR-Website verschwunden und durch ein
kaum weniger retuschiertes, aber wenigstens erahnbar
zuzuordnendes Douglas-Wunsch-Selbstbild der "starken" Bildschirm-Frau ersetzt
worden.
Was nach wie vor und unzweideutig plastisch illustriert, was die eine oder andere solcher "starken Frauen", in aller "Bescheidenheit" natürlich, tatsächlich unter starken Frauen versteht: Nämlich starke Gurkenmasken!
Der Zuschauer allerdings lacht kopfschüttelnd weiter - und bleibt lieber seinen eigenen, verläßlichen und relevanten Einsichten und Maßstäben treu, die ihn bei einem Prädikat wie starke Frauen an andere Persönlichkeiten als die vorgestellten ARD-Quotennelken mit ihrem öffentlich-rechtlich embeddeden Lady's-Room-Appeal denken lassen: An Arundhati Roy zum Beispiel, an Taslima Nasreen oder Par Par Lay. An Renate Osthoff, Christiane Amanpour und ihr deutsches Gegenstück Antonia Rados. An die frühere Alice Schwarzer. An Andrea Röpke, Irena Sendler, Hanna Poddig und Sabriye Tenberken. An Necla Kelek. Vandana Shiva. Und natürlich Anna Politkowskaja. Und, wenn's ein wenig poppig-glamouröser sein soll: An die schicksalsbeladene Sinead O'Connor, die streitbare Jane Fonda, die Hippie-Schwester Uschi Obermaier, die visionäre Mary Bauermeister. An Linda Perry und Grace Slick. Vor allem aber an Mi-Ran Jang - und natürlich Lara Croft.
An starke Frauen eben. Ganz einfach.
Betrachtungshöhe - und der Weite des panoramischen, "unembedded" freigeistigen
Horizonts. An meinem lasse ich Sie hier gern immer wieder teilhaben. Ächzen Sie mit
beim distanzierten Blick auf die Blätter unseres Print-Waldes und ihre Spreu, das
Online-Laub im Web. Gänzlich...
