U N Z A P P E D 2
"Listening killed the media star"
H U L D I G U N G
der deutsche Medien-Park
Wenn Dummheit, wie's der Volksmund hat, tatsächlich brummen würde, dann wäre Deutschland, insbesondere das medienschaffende und -rezipierende, ein einziges ohrenbetäubendes Vibrationsfeld. Und wen PISA plagt, der dürfte im deutschen Bewußtseinsland, dem globalisierten Medien-Weltpark kaum noch ruhig schlafen können.
Während die SECOND LIFE - Realität der Medien langsam jedes wirkliche,
verläßliche und reflektierte Weltverständnis verlöschen läßt, deliert sich das
somnambul-desinteressierte Publizistenhirn in Schablonen- und Schemahülsen-Produktionen
der vermeintlich erforderlichen und vorgestanzten Sorte an den
Tages-Themen und
-Ereignissen entlang und an jeder substanziellen Wirklichkeit
vorbei durch's profipublizistische Berufsleben - und merkt nicht, wie ihm mit dem
Verstand die Sprache, und durch die Sprache die Welt, das wirkliche Weltverständnis
entgleitet und abhanden kommt: Das Bewußtsein retrophiert bis zum Grad der Null-Kognition
des Komplettstutzers, der keinen Sinn mehr erkennen kann, weil er keinen für möglich hält.
Die okkultidiotisch-fehlgeleitete "Relativierung" der Realität als bloß insignifikante
"Phänomen"-Wirklichkeit vermeintlich sekundärer Bedeutung mündet in eine totale
Hülsen-Daseins- und Hülsen-Bewußtseins-Idiotie, an sinnleeren Sprach-Hülsen als
Ersatz für Aussage-Kommunikation inhaltlicher und reflektierter Art abzulesen. Der
zunehmende Sprachverlust als Gefolge der Kognitionsauflösung mündet in eine besondere,
eigene Form von sekundärem Analphabetismus: Die totalidiomatische Versatzstück-Montage
aus Materialien des tradiierten Sprachgebrauchs-Fundus als vermeintliche
Realitäts-Verbalisierung, -Kennzeichnung und "-Vermittlung".
Bewußtsein ist Denken in Sprache, und der Verlust der Sprache das Schwinden von Denkfähigkeit und Bewußtheit, also von Verstand - auch der von Sachen und Sachverhalten. Im Kielwasser der okkulten Innere-Ebenen-Affirmation aller jeweils gegebenen gesellschaftlichen Um- und Mißstände im alleinigen Interesse einer nihilistischen Realitätsausbeutung zu persönlichen Zwecken (Status-Schmarotzertum) sind Dämlichkeit und Sprachunfähigkeit nicht nur allgegenwärtig und "normal", sondern scheinen geradezu Voraussetzung und Einstellungsbedingung für jeden geworden zu sein, der in deutschen Medien sprachakustisch tätig werden, im Feld des TV-Infotainments vielleicht noch das entsprechende Gesicht dazu machen und sichtbar in die Kamera halten will. Nicht nur die Aufmerksamkeit und Bereitschaft, auch die einfachsten gesellschaftlichen Realitäten und Vorgänge noch halbwegs richtig zu "verstehen", präzise zu benennen und richtig einzuordnen (von Analyse garnicht erst zu reden), sondern sie auch nur skizzenhaft sinnrichtig wiederzugeben und sprachlich zu vermitteln, dazu fehlt offenbar zunehmend die zerebrale Grundausstattung und Denkfertigkeit, die sich in Sprache und Sprachvermögen "äußert".
Hatte man früher gelegentlich beklagt, den Deutschen sei ihre Sprache verkommen, nur noch als Bibliotheksgut pflegenswert, so können wir uns im Zeitalter der neoliberal-globalisierten Konsumrauschverblödung zunehmend von der Sprache als geistwertem Denkinstrument und ihrem sachgerechten Gebrauch generell verabschieden. Als professionellen "Standard" erlebt man täglich in den Medien, wie die, deren handwerkliche Berufsgrundlage es wäre, die deutsche Sprache zu beherrschen und beispielgebend zu pflegen, überall und in jedem Ausmaß nur noch stammeln, stutzen, stottern, daß es Hilfsschülern die Locken kräuselt. Der Nestwärme-Kokon der Senderkantinen hat eine eigenartige Konsens-Befriedigung mit der eigenen, kollektiven Grundverblödung hervorgebracht und etabliert, sodaß keinem Kollegen, Chef, Zeugen, Mit-Arbeiter mehr aufzustoßen scheint, wie sehr sich sprachliche und intellektuelle Inkompetenz als Standard etabliert haben - oder sich tatsächlich alle (und da begänne es klinisch relevant zu werden) selbst immer noch für zulänglich und "sprachkompetent" halten wie zu Zeiten, als dies in öffentlichen Medien noch Beschäftigungsvoraussetzung war. Die erschütternde Wirklichkeit des totalen Sprachverlusts in Deutschland, in allen Zeitungen/Zeitschriften, auf allen Kanälen und Sendern, in jedem Kontext und zu jedem Thema, als Ausdruck und Manifestation der überall zu beobachtenden Radikalverblödung publizistischer Marionetten im Sedativschatten ihrer "Innenwelt"-Stutzer-"Gurus" und des Faszinosums unverstandener "Globalisierungs"-Demontage aller gesellschaftskonstituierenden Realitäten, aber belegt das erschütternde Gegenteil - und nicht erst seit in den achtziger Jahren eine große Illustrierte ("stern") sich nicht scheute, den Grad des eigenen Sprachverlusts mit dem Titel "Aids ist in aller Munde" zu dokumentieren (und das noch bevor die Ungefährlichkeit von Speichel als HIV-Überträger festgestellt war).
Als ich vor nunmehr über zehn Jahren an einem Essay mit dem Titel "Deutschland verblödet" arbeitete (der mir prompt von der inzwischen mangels eigener Macherkompetenz und Hirnsubstanz eingegangenen Zeitung "Die Woche" als Aufmacher geklaut wurde), subsummierte ich mit dieser Analyse insbesondere auch den Verblödungsgrad der öffentlichen Kommunikation der sich selbst immer noch so betrachtenden und mißverstehenden "geistigen Elite" des Landes - Professoren und Publizisten, Politiker und Medienschaffende jedweder Provenienz und Vokation, die allesamt zunehmend nur noch in bildungsfreien Fehlschlüssen, unlogischer Semantik und hülsenrepetitorischer Stanzrhethorik ihre als "positivistisch" fehlverstandene Ignoranz und neoideologische Idiotie vorführen, als "neutrale" Bewältigung der bundesrepublikanischen Geistes- und Bewußtseinsrealität. Doch prompt meldeten sich danach eben jene zu Wort, die meinem Essay den Anlaß, also sowohl das Thema wie auch das Material des Titels und Urteils geliefert hatten (u.a. der "Autor" des geklauten Essay-Titels in "Die Woche"), fühlten nicht s i c h betroffen, sondern entdeckten die unbildungsverödeten Schüler - das PISA-Thema war geboren, und die Doofen, Hirnrissigen und Hirnlosen des Landes sind bis heute wieder einmal nur "die anderen", nicht man selbst. (Und ausgerechnet Joachim Bublath konnte sich nicht daran hindern, vor zwei Jahren das Verblödungsthema im ZDF noch einmal aufzugreifen und als "Wissen ist Macht - aber nichts wissen macht auch nichts" zu verhandeln, obwohl gerade seine "Wissens"-Sendung zu den beschränktesten und rückständigsten 50er-Jahre-Repetitorien eines materialistisch beschränkten Naturwissenschaftsverständnisses gehörte, in denen alle aktuellen Erkenntnisse und Entwicklungen eines erweiterten Wissens- und Verständnishorizonts der Welt wie auch des Wissenschaftsbegriffs selbst konsequent und kategorisch ausgeschlossen bleiben.)
Daß beim Essay-Wettbewerb der Stadt Weimar zum zweihundertsten Todestag Friedrich Schillers keiner der ersten drei Preise vergeben werden konnte, weil kein qualitativ ausreichendes Schaffen zu vermelden war, sondern am Ende lediglich ein Förderpreis, wundert bei diesem Zustand des deutschen Geistespegels in Sprache und Denken, in Dichten und Medienschaffen niemanden, der noch halbwegs intelligent zuhört, -sieht und mitdenkt. Doch da es alle trifft, fällt keinem etwas auf - und der betroffenen "intellektuellen" Medien- und Publizismus-"Elite" schon garnicht. Die beklagt ihre Arbeitsstätten zwar auf Symposien als "Leid-Medien" (10. Mainzer Medien-Disput), aber die Idee, es könnte nicht nur an der "Banalisierung komplexer Sachverhalte", dem "steigenden Tempo der Nachrichtengebung", der "Trivialisierung" und "Personalisierung" ihrer Medien liegen, sondern an der eigenen, kognitiv unzulänglichen Haltung und Ausstattung, dem eigenen unbrauchbaren Gestammel und hirnlosen Mist, den sie als "Medienschaffende" täglich absondern und dem öffentlichen Bewußtsein als Grundorientierung und -nahrung zumuten, ist natürlich (siehe oben: "Pisa sind immer die anderen") abwegig, und es widerspräche ja auch diesem Befund. Schließlich weiß man ja nicht einmal mehr, was an einer "Rechtschreibereform" (1) idiotisch sein könnte!
Dabei soll hier nur am Rande einmal von einem perennalen Ver-Sprecher der traurigen
Gestalt wie Jan Hofer die Rede sein, der Tag für Tag, Jahr für Jahr ganz offenkundig
von ihm völlig unverstandene Buchstaben, Silben, Wörter und Sätze vom Blatt lesen muß,
was bei seinem kognitionsfreien Lautwiedergabebemühen immer wieder verräterische
Fehlleistungen produziert: "Der Mord an der Politikerin habe
weltweit Trauer
und Bestürzung ausgesucht..." (2), oder, in einer Ölmarkt-Meldung: "Saudi-Arabien
zählt zu den erdkreisreichsten Ländern der Erde." (3). Und selbst Pisa-verdächtige
Fehlleistungen wie "Eveu" auf dem Preisschild bei HL (jetzt REWE), die kein
Druckfehler sein können, werden von der Print- und TV-Medien-Intelligenzia noch
mühelos in den Studioscheinwerferschatten gestellt - z.B. von solch chronisch unpräsenten
Moderations-Platzhaltern wie Andreas Cichowicz, der bei einem Altpapierbericht die
japanische Papierfaltkunst als "Oregano" bezeichnet (4). Auch wenn das aus gefühlter
Fehlberufswahls-Leistungsverweigerung heraus ein absichtlicher, "humoristisch" gemeinter
"Furz" gewesen sein sollte, so ist doch bekanntlich die willentlich-scherzhafte
Dummheit von alters her eine altersunabhängig beliebte Spießer-Technik, um von
tatsächlicher eigener Dummheit und Dämlichkeit abzulenken, die sich sonst und
normalerweise ohnehin in allen "ernstgemeinten" Äußerungen offenbart - man war ja nur
"absichtlich so dumm", wie man es sonst, hoffentlich unbemerkt, unweigerlich auch
ist. Und so weiß Cichowicz im sicher ernstgemeinten Vortrag auch zu tragischeren
Meldungen, wie der Flutkatastrophe in Südasien, geistig abgemeldet und desinteressiert
wie immer, nur schablonenhaft Sonderschulverdächtiges zu formulieren: "Befürchtet
werden über 100.000 Tote, und hinter jeder Zahl steht ein menschliches Schicksal." (5)
Und daß die ARD-Tagesschau bei soviel Wald auch über Sachverhalte wie die biologische
Materialbeschaffenheit von Bäumen nicht einmal rudimentär mehr im Bildungs- wie
Fernsehbilde sein kann, wenn sie bei Waldbränden in Südfrankreich über 6000 Hektar
Baumholz "in Schutt und Asche" (6) verwandelt sieht, schmerzt da schon kaum noch in
den idiomgequälten, visionsbegleitenden Ohren.
Dichte ich da den Bewußtseins- und Wortlautgebern der deutschen Medien und Kanäle
unangenehme Wahrheiten an, so wie auch "Michael Jackson ein zu Unrecht verleumdeter
Popstar ist" (7), wie das ZDF-Magazin "Leute heute" vermutet ? Oder werden die
sichtbaren Bildschirm- und unsichtbaren Radioleuchten an den Mikrophonen von mir etwa
zu Recht verleumdet, so wie ja auch "Michael Jackson mangels Erfolglosigkeit gegen
seinen Ruin kämpfen muß" (8) ? Ist die kognitive Medien-Insuffizienz tatsächlich so
allumfassend wie "die Flut von Torgau und Mulde, die sich unaufhaltsam seinen Weg
bahnt" (9) und jeden Sinn und Verstand, jedes Denkvermögen und jede klare
Urteilsfähigkeit und Einsicht so aus allen Köpfen
spült, wie sie es
aus den Köpfen der Medienschaum-Kommunikationsproduzenten längst getan zu haben
scheint ? Mögen "die Meteologen" (10) des Peter Sigloch noch seiner Maulfaulheit als
Folge geistiger Trägheit zu verdanken sein. Als unbeirrt und unbelehrbar im
kognitionsfreien Textraum der Sendeformate erweist sich dagegen sein Kollege Claus
Kleber, der mit bekannt sonnenseitigem Gemüt ("Kalifornien, die Sonnenseite der USA")
zur Diskussion der fötalen Stammzellenforschung deren Nutzen zu melden weiß: "Aus
Stammzellen lassen sich alle möglichen Organe züchten: Arm, Leber, Herz, Verstand,
Niere..." (11). Für die Transplantation eines fernsehmoderationstauglichen Verstands
ließe sich sicher auch in den weniger begüterten Vierteln von Bombay oder Rio noch
schnell ein Spender finden - nur, wo sitzt dieses Organ in der Anatomie ?
Das muß auch seinem ZDF-Kollegen Mitri Sirin völlig schleierhaft sein, dem offenbar keine einzige intakte Gehirnzelle, etwa durch leichte Krämpfe oder Zuckungen des kognitiven Unwohlseins, zu signalisieren scheint, daß da etwas nicht stimmen kann, wenn er mit dem Gesichtsausdruck eines Florian Silbereisen der ehemaligen amerikanischen Präsidentschaftskandidatin Sarah Palin andichtet, sie habe "sich selbst als 'Pitbullterrier mit Lippenstift' bezeichnet" (11b). Wie käme sie dazu, die Bosheiten ihrer politischen Gegner als Selbstdarstellung zu verbreiten.
Ob da vielleicht versäumte "Praktikas" (12) dem Bewußtsein der Telearbeiter noch
in die pluralen semantischen Gänge helfen könnten, wie sie, laut RTL-aktuell, für
Marcos Ausbildung vorgesehen sind, dessen mißglückte Pubertätskopulationserfahrung
wochenlang die
deutsche Medienwelt und ihre Vortragsgemüter bewegte ? "Es gibt aber
noch ein anderes interessantes Ereignis", wußte Peter Kloeppel schon einem langem
Bericht über Marcos Freilassung aus türkischer Untersuchungshaft als Kurzmeldung
anzufügen, "nämlich das Ergebnis der Weltklima-Konferenz auf Bali." (13) Tatsächlich,
auch nicht uninteressant!
Bei soviel überbordender sachlicher und sprachlicher Berufskompetenz auf allen Kanälen wundert es dann keineswegs mehr, daß ein Ulf Röller (ZDF) vor dem Kanzleramt zum Thema aktuelle Bildungsoffensive fragt, was wohl die Politiker, die sich da engagiert hatten, also "die Betroffenen dazu sagen" (14) - er die Betreffenden also kurzen Verstandes zum Gegenstand des Bildungsnotstands erklärt. Und auch damit hätte er eigentlich recht, wenn er's nur so gemeint hätte. Daß am Ende dieser allgegenwärtigen Sprachdemenzspirale keinerlei sprachliche wie faktische Referenzen mehr zur Orientierung und Einordnung von Realitäten verfügbar sind, wie in der Tagesschau, in der ein Vorhaben "der beiden Unternehmen Nokia und Siemens" gemeldet wird, "durch deren Fusion eine Art Zwerg-Riese entstand, der weltweit auf Platz zwei steht" (15), wundert den Zuschauer und -hörer längst nicht mehr, sind sie ihm doch selbst, durch diese Medien-Bewußtseinsrodung, längst abhanden gekommen. Wie war das eben: Welcher Nachrichten-Zwerg-Riese mit Riesen-Spatzenhirn (auf Platz zwei der Artikulationsstutzer-Rangliste ?) betrachtet sich da als Riesen-Zwerg des ARD-Desktops ?
Referenzen und Entsprechungen sind ohnehin aus allen Debilhirnen entwichen, die sich vergeblich, aber öffentlich bemühen dürfen, der Wirklichkeit Herr zu werden: Ein Jugendlicher, der bei "einem tragischen Unglück" aus dem Parterrefenster seiner Wohnung fiel, "stürzte meterweit in die Tiefe" (16), wie das ZDF zu reportieren wußte, während Windkraftanlagen im Weltbild von N24 auch nur "meterhohe Riesen" (17), also kaum höher sind, und nicht erst "der übermenschliche Schriftzug der Pepsi-Cola-Company" (18) auf einem Fabrikdach muß den Reporter von "Metropolis" (arte) so aus der Fasssung gebracht haben, daß er den letzten Rest seines möglicherweise anthropomorphen Sprachverstands verlor. Und daß der Film "Tomorrow never dies" mit "Der Morgen stirbt nie" (19) zu übersetzen ist, wie der Feuilletonist von "arte" zu Bond-Filmen vorzutragen weiß, kennzeichnet die hellwache kultivierte Finesse, die dem öffentlichen Bewußtsein in Deutschland erst die Strahlkraft einer durch Goethe und Pisa weltweit bekannt gewordenen Kulturnation verleiht.
Vielleicht hat ihn aber auch nur der, "Brisant" zufolge, "tragische Tod" von
Fritz Walter (20), friedlich verstorben im Alter von 82 Jahren, seines Realitätssinnes
beraubt, oder daß "ein Raser für den Tod einer jungen Frau und ihrem Sohn
verantwortlich" (21) war, wie Marco Schreyl für "hallo Deutschland" stammeln durfte.
"Sie sollen den Jungen verhungert haben lassen" (22), weiß dagegen Astrid Frohloff
von Sat1 über den behinderten Sohn eines Polizisten zu wortkleistern. Und
wie ging es, nach "arte", erst im Algerien-Krieg zu: "Er kostete 30.000 Franzosen
und 400.000 Algeriern das Leben." (23) Doch die Schuld für jede Dummheit bei den
Regierungen und eine Lösung in ihrem Wechsel zu suchen, wie Guido Westerwelle, der
unser Land liebt und sich deswegen "eine bessere Regierung für Deutschland wünscht,
weil sie eine bessere verdient hat" (24), dies kann nur "ein dummes Zeug" (25) genannt
werden, wie der Sprecher der SWR1-Nachrichten sinniert.
Trotzdem rate ich davon ab, zu vermuten, daß Ruhe- und Besinnungszeiten im hektischen mediengeschäftlichen Alltag auch eine Rückkehr verlorener Hirnzellen, logischer Synapsenstrukturen und des damit verbundenen Sprachvermögens begünstigen könnten - zu viele Weihnachten, Ostern und andere Regenerationsokkasionen vergingen in dieser Hinsicht ergebnislos in Bezug auf die zerrütteten Sprachstrukturen der, diesmal wirklich, Betroffenen. Selbst wenn laut ZDF "die Hoffnung auf weiße Weihnacht steigt" (26), und nicht etwa nur die Wahrscheinlichkeit, selbst wenn ein Gernot Schütz vom SWR-Wetterstudio überall "Gewitter plötzlich wie Pilze aus dem Boden schießen" (27) sieht (Untertage-Gewitter ?) und die vox-Nachrichten gar schon bei ersten Anzeichen von Eis und Schnee "Autofahrer bei den geringsten Steigerungen stecken bleiben" (28) sehen - zu mildern ist diese Sprachinkontinenz, selbst im Fall eines fühlbaren Schmerzgrads bei den Betroffenen, wohl kaum noch, und in der Luft liegt allenfalls die Ausdünstung paralysierter Verstandesvernebelung, die mittlerweile jeden synaptischen Kurzschluß im Hirn für eine Eingebung hält - etwa wenn ein allzu früh von der Hilfsschule abgegangener Radiohead das Revolutionslied "Something in the Air" von Thunderclap Newman kalauertrunken als "erste Umweltnummer" (29) zu deuten versteht. Was man nicht versteht, ist einem halt beliebig, also gedankenfrei verfügbar. Eine Kollegin ist da schon wesentlich näher am Gemeinten, zumindest was das Realgeschehen angeht: "Es ist ein Déjà Vu - die Unruhen in den französischen Vorstädten, die erneut aufflammten.", meint Bianca Leitner (30), ohne zu ahnen, daß ein "Déjà Vu" eben nicht die Wiederholung eines Ereignisses ist, das schon einmal stattgefunden (und man deshalb schon einmal gesehen) hat. Ganz im Gegenteil!
Zwar ist das ZDF nur einer von allen Sendern, denen die kantinenseelige, eloquenzhülsenkaschierte Minderbemittlung als Hausstil zu eigen und als sendungstauglich zureichend ist - doch gerade an seinem Sendungshorizont und -niveau läßt sich immer wieder deutlich ablesen, wie weit die Verblödung Deutschlands bereits fortgeschritten ist: "74% der Amerikaner stehen hinter ihrem Präsidenten. Das trifft nicht auf alle Amerikaner zu." (31) weiß der Irak-Report des ZDF die Stimmung des amerikanischen Volkes differenziert zu deuten. Daß an dieser alltäglich schmerzenden Misere nicht noch mehr Frauen Anteil haben, obwohl deren Quote beim ZDF durchaus schon beachtlich hoch ist, liegt sicher an dem Chancendefizit, daß "Frauen nur ein Drittel der derzeitigen Studentinnen ausmachen" (32), wie ZDF-"Mona Lisa" zu bedauern weiß - zwei Drittel der Studentinnen sind also nach wie vor männlich.
Ob Geschlechtszugehörigkeit einen Einfluß auf defizitäre Hirnfunktionen und unbeanspruchte Bewußtseinsvakanzen in den Köpfen haben könnte, ist von der medienweit verbreiteten Symptomatik keineswegs klar ausgewiesen: "Der Stau auf der Autobahn geht sehr hoch" kryptografiert zwar eine Ulrike Till im SWR1 - und weiß im Zusammenhang mit den Folterungen in Abu Ghraib auch genau zu definieren, daß die Gefolterten "menschliche irakische Häftlinge" (33) waren (die Ziegen und Schafe also wohl noch einmal davongekommen sind). Daß "ein Autounfall zwei Brüdern das Leben gekostet hat" (34), wie Griseldis Wenner der ARD in "Brisant" zu melden antritt, kann eher als persönliche denn als geschlechtsspezifische kognitive Grammatikschwäche abgetan werden, ebenso wie die "leckeren Fischrestaurants" (35), die die sympathische "Wolkenlos"-Moderatorin mit dem mentalen Baströckchen zungenschnalzend in Biaritz entdeckte (wie müssen da erst die Fischgerichte schmecken!). Selbst wenn Katrin Eigendorf (3Sat-"Auslandsjournal Extra", also schon wieder ZDF!) einen Muslim bei der Hadsch als "Der moderne Pilgerer" (36) betitelt, ist das kein Indiz für ein spezifisch weibliches Kognitions- und Sprachdefizit - wenn auch gerade durch die absurde feministische Sprachverelendung weiblicher Substantivendungen ("Gelehrte und Gelehrtinnen", etc.) sowie die von linguistischen Faustkeil-Nostalgikern im mental-gutturalen Bärenfell geuraste Sprachreform das hochentwickelte, logisch elaborierte und feinst ziselierte deutsche Sprachgefüge auf debilste Weise destruiert und destrukturiert wurde und sich davon wohl nie wieder erholen wird. Was uns viel eher "in Angst und Schrecken versetzen" sollte als das gestammelte "Allgemeinwesen" (37), das sich die unbelehrbare Hobby-Modelatorin Maria Gresz, mangels Verfügbarkeit des Terminus und hinreichender Gesellschaftslehre, im "Spiegel-TV-Magazin" erbasteln mußte, ist da eher der spezifisch weibliche Geisteshorizont, den Tina Mendelsohn (3Sat) immer wieder deutlich macht, die z.B. anläßlich der U-Bahn-Bomben in London mit wichtigem Gesichtsausdruck "in eigener Sache" dem Publikum gegenübertrat - um mit bedeutungsvoller Miene und dramatisch-horizontberaubtem Blick dem Zuschauer als "eigene Sache" stolz mitzuteilen, daß auch sie in London wohne! (38)
Nicht nur an der Tatsache, daß sie zu den Anschlägen selbst nichts zu sagen hatte
noch davon in irgendeiner Weise betroffen war, diesen Umstand aber offenkundig
unbeschadet überstanden hatte, "sieht man, daß es garnicht so negativ sein kann, wie
es ist." (39), wie Kurt Jara einmal solche Befindlichkeiten und Gemütszustände
charakterisierte. Aber die Hoffnung, daß sich die werbe- wie auch die
gebührenfinanzierte
Denk- und Kommunikationsfäulnis des neoliberalen Mediendeppenlandes in Zukunft ein
wenig abschwächen, gar eine Gesundung, wenn auch nur in homöopathischen Graden, werde
einstellen können, dürfte nicht allein durch Claus Kleber (s.o.), sondern auch
angesichts der ZDF-Müdigkeit, überhaupt noch Programm zu machen, eher naiv sein:
"Das ZDF wünscht Ihnen schöne Festtage und ein gutes, neues Jahr!", tönte es da
letztes Jahr immer noch stereotyp vom Konservenband aus den TV-Empfangslautsprechern
in unsere Chill-Out-beruhigten Gemüter. Und zwar am 1. Januar 2008, um 19.15 Uhr!
In einem Land, in dem stumpfsinnniges Volkswirtschafts- und Bilanzbuchhaltungs-Denken mit hehren Begriffen wie "Weisheit" fehlbelegt und mystifiziert wird (die "Wirtschafts-Weisen"), wundert es kaum, daß selbst der rudimentärste sprachintegre Verstand zunehmend aus den Gehirnritzen aller Menschen verdrängt - und mit der geballten Tatkraft aller anonymen sowie namentlich aus Benefiz, Funk und Fernsehen bekannten Täter planmäßig zugrunde gerichtet und eingeebnet wird. Wie beispielsweise von RTL und seiner Parade-Sendungsmaus Günther Jauch, die unlängst den Kreuzworträtsel-Bildungshorizont des lexikalischen, enzyklopädischen Faktenwissens ihrer Millionenquiz-Sendung, und damit die rudimentärste denkbare Bewußtseins- und Bildungsstufe, als "Die Weisheit der Vielen" (40) ausgerufen haben - also jede wirklich höhere Form von Bewußtsein, von Denken und Anspruch an geistige Orientierung, jedes wirklich höhere Entwicklungspotential des menschlichen Denkens, das semantisch unter Weisheit zu verstehen wäre, ideologisch in Abrede stellen, buchstäblich aus den Hirnen bügeln, zunichte schwätzen, in die (eigene) Alltags-Dämlichkeit nivellieren.
Schließlich aber blieb es doch einer frischgebackenen Medien-Repräsentantin, der Moderatorin Orelie Putsche von HR3 vorbehalten, die deutlich gewordene Sprach- und Kognitionskompetenz der deutschen Öffentlichkeitsarbeitsprotagonisten und die durch sie verursachte wie in ihnen personalisierte Bewußtseinskatastrophe nicht nur begrifflich präzise widerzuspiegeln, sondern auch so exemplarisch repräsentativ auf den Punkt zu bringen, daß ihr umfassend bewußtseins- und kulturvernichtender Charakter das wohlwollende Konsumentenpublikum, also die Zuschauer, die schon immer "da sitzten und kuckten nur" (41), auch künftig und nicht allein im ZDF noch widerstandslos und fasziniert in ihren Bann schlagen, entgeistern und befriedigen wird - als sie am HR3-"Tag der deutschen Sprache" ihr Sendeprogramm, prototypisch und repräsentativ für die gesamte deutsche Dauer-Medienwirklichkeit, so zu definieren wußte: "Wir huldigen die deutsche Sprache." (42)
Wir huldigen die deutsche Sprache?
"Wir huldigen die deutsche Sprache."!
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(1) ARD/Mittagsmagazin, 8.10.2004 - (2) ARD/Tagesschau, 11.9.2003 - (3) ARD/Tagesschau, 18.11.2007 - (4) ARD/Weltspiegel, 27.2.2005 - (5) ARD/Spezial, 29.12.2004 - (6) ARD/Tagesschau, 29.7.2003 - (7) ZDF/Leute heute, 28.1.2005 - (8) Vox/Nachrichten, 15.6.2005 - (9) N24/Lauftext, 19.8.2002 - 10) ZDF/heute, 11.8.2002 - (11) ZDF/heute-Journal, 14.2.2008 - (11a) ZDF/Wochenjournal, 21.11.2009 - 12) RTL aktuell, 18.12.2007 - (13) RTL aktuell, 14.12.2007 - (14) ZDF/heute nacht, 20.8.2007 - (15) ARD/Tagesschau, 4.5.2007 - (16) ZDF/Trailor, 31.7.2002 - (17) N24/ Kulturnachrichten, 16.10.2002 - (18) Arte/Metropolis, 20.7.2002 - (20) ZDF/Brisant, Juli 2002 - (21) ZDF/hallo Deutschland, 14.7.2003 - (22) Sat1/Nachrichten, 6.8.2003 - (23) arte, Filmbericht, 4.12.2007 - (24) Bundestagsrede, 24.11.2004 - (25) SWR1/RP, 18.10.2004 - (26) ZDF/heute, 19.12.2004 - (27) SWR1, 23.7.2004 - (28) Vox/Nachrichten, 9.2.2004 - (29) SWR1, 5.7.2003 - (30) ARD/Wochenspiegel, 2.12.2007 - (31) ZDF/Irak-Report, 18.-21.3.2003 - (32) ZDF/Mona Lisa, 1.2.2004 - (33) SWR1, 24.8.2004 - (34) ARD/Brisant, 10.2.2007 - (35) Vox/ Wolkenlos,19.7.2003 - (36) 3Sat/ Auslandsjournal extra, 6.2.2004 -
(37) RTL/spiegeltvmagazin, 14.11.2004 - (38) 3Sat/Kulturzeit, Juli 2005 - (39) SWR1, 23.10.2004 - (40) RTL, 20.1.2008 - (41) ZDF/Drehscheibe Deutschland, 29.4.2004 - (42) HR3, 8.9.2007
Betrachtungshöhe - und der Weite des panoramischen, "unembedded" freigeistigen
Horizonts. An meinem lasse ich Sie hier gern immer wieder teilhaben. Ächzen Sie mit
beim distanzierten Blick auf die Blätter unseres Print-Waldes und ihre Spreu, das
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