N.A. EICHLER - TV-SCREEN

        U  N  Z  A  P  P  E   D    1   

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Nahrungsmittel-Krise


Ist Geld essbar ?


Geld als letzter und einziger Maßstab und Wert aller Dinge definiert heute totalitär das Leben und die Welt, und wo seine Vermehrung die einzige verbliebene Maxime und Orientierung ist, da bleiben alle anderen schnell auf der Strecke: Der Zustand des Planeten Erde ebenso wie der seiner Bewohner, das Leben der Menschen ebenso wie das seiner Tiere und Pflanzen. Und Geld als letzter und einziger Maßstab und Wert regiert und zerstört heute neben allem anderen auch den Umgang mit Nahrungsmitteln und ihrer Herkunft: Den Raubbau an Böden und Wäldern, der ihre Unbrauchbarmachung und Vernichtung zur Folge hat, den "Wahnsinn der konventionellen Lebensmittelproduktion" (Nikolaus Geyrhalter, Autor von "Unser täglich Brot") und die Prekarisierung und Versklavung der Landwirte und ihrer Betriebe zugunsten einer "industrialisierten" Zwangswirtschaft mit ungenießbaren, ungesunden Menschenfutter-Produkten und immer geringer werdendem Einkommen der Produzenten. Aber sicheren Gewinnen für den Handel und steigenden Preisen für die Konsumenten.

Das globale Gangstertum der Monsanto-Gruppe, aus deren Labors rund 90 Prozent aller Gen-Pflanzen stammen, die rund um den Globus angebaut werden, ist dabei nur ein Beispiel für den von Politikern protegierten und Investoren forcierten Krieg der Profiteure gegen die Bewahrer und Kultivierer des Lebensraums Erde für ein menschenwürdiges Leben. In Paraguay kämpfen Kleinbauern vergeblich gegen die Verdrängung durch die von Monsanto forcierten Monokulturen. In Mexiko wehren sich die Einwohner gegen die endgültige Vernichtung vieler Sorten des Urmaises, die von ihnen seit Jahrhunderten angebaut werden und durch genveränderte Sorten verunreinigt und für immer zerstört, unbrauchbar gemacht werden. Monsantos Wachstumshormon für Rinder verdirbt die Qualität von Fleisch und Milch weltweit. Doch der Handel und die Profite wachsen mit.

Die globale Klimakatastrophe, verursacht durch eine irrwitzige Industrialisierung im Dienste des Profits und der Geldvermehrung als Selbstzweck, die alle Ressourcen des Planeten hemmungslos und in rasender Geschwindigkeit zugrunde plündert, läßt in den kommenden Jahren häufiger und in größeren Gebieten als jemals zuvor Dürreperioden und Ernteausfälle erwarten. Ín den reichen Ländern werden die Ernten kurzfristig vielleicht noch erhalten bleiben - in den armen Ländern, etwa den afrikanischen, werden dagegen die Zahl und der Umfang der Hungersnöte steigen. Hinzu kommen alte und neue Schadstoffe und biologische Bedrohungen. Die Getreidefelder in Europa sind bedroht, die Blattdürre und die Fleckenkrankheit sind, nachdem sie für weitgehend besiegt gehalten waren, zurückgekehrt. Fünzig Jahre lang war der Schwarzrost kein Problem, jetzt ist sein Erreger Puccinia graminis mit Macht zurückgekehrt. Eine neue aggressive Variante bedroht von Afrika aus den Weizenanbau in Pakistan und Indien. Die ausreichende Versorgung von Millionen Menschen mit Lebensmitteln im Nahen Osten und in Asien sind gefährdet. In Europa versagen immer mehr die chemischen Mittel gegen die Schädlingspilze Septoria tritici und Drechsleria tritici-repentis, weil die Pilze Resistenzen entwickelt haben. Der Resistenzgrad liegt bereits bei 70 Prozent, die Ernteverluste in Europa könnten nach vorsichtigen Schätzungen bis zu 30 Prozent betragen. Und werden die Preise, aber auch die Kapitalgewinne, weiter in die Höhe treiben.

Der Pilz Puccinia graminis, "Schwarzrost" genannt, mit der Bezeichnung Ug99, vernichtete bereits 1954 im Getreidegürtel der USA 40 Prozent der Weizenernte - in den Jahrhunderten zuvor waren Ernteausfälle um die 90 Prozent keine Seltenheit. Von den bisher (vom Internationalen Forschungszentrum für Mais und Weizen in Mexiko) getesteten Weizensorten sind 90 Prozent anfällig für diesen Pilz, darunter insbesondere die im Nahen Osten und Westasien angebauten Sorten, ebenso wie 80 Prozent der in den USA angebauten. Und Ug99 hat bereits das Rote Meer überquert und ist im Jemen aufgetaucht, wird sich von dort vermutlich quer über die arabische Halbinsel in Richtung Osten, nach Indien ausbreiten - könnte aber auch schneller, "durch die Luft", direkt nach Asien gelangen. Und das Beispiel Europa hat gezeigt, daß auch chemische Mittel gegen ihn versagen. Was die Preise, und damit die Handelsgewinne, weiter drastisch steigern wird.

In Ägypten gab es in diesen Monaten bereits Proteste und Gewaltdemonstrationen gegen die gestiegenen Lebensmittelpreise, die sich in wenigen Monaten vervierfacht haben, und in Kambodscha hat sich der Preis für Reis verdoppelt. Schon eine Schale Reis gilt als Luxus, und die Schulspeisungen der Kinder wurden eingestellt. China hat sogar den Export von Reis bis auf weiteres beendet. Eine ganze Reihe von Ländern seien bereits "an der Schwelle zu Hunger-Aufständen", melden die Nachrichtenticker, und arte Info befürchtet "gewaltsame Unruhen mit weltweiten Folgen" (14.4.2008).

"Wie kann sich die Welt ihr Essen noch leisten ?", fragt dämlich wie so oft das ZDF (heute, 14.4.2008), und entblößt zugleich den Erfüllungszustand des Grads vollständiger Inkompetenz durch den angehängten Ignoranzbeleg: "Diese Fragestellung überfällt die Welt unerwartet und plötzlich." Unerwartet und plötzlich ? Nun, diese Fragestellung überfällt vielleicht einen vollständig ignoranten ZDF-Redakteur "unerwartet und plötzlich", aber nicht "die Welt" - die kannte das Problem seit Jahrzehnten, weiß um seine Ursachen und (Hinter-)Gründe, und hat oft genug davor gewarnt und gemahnt, es nicht in die Krise treiben zu lassen. Und es muß wohl am bekannten "geistigen Isolationstank" der ZDF-Sendeanstaltswelt liegen, der seit mehr als dreißig Jahren keine kognitionsfordernden Informationen aus der Außenwelt nach innen und so in die Bewußtseine der Mitarbeiter dringen läßt - durch dessen aseptische Bewußtseinsschleuse nur gereinigte Ladungen von Nahrungsmitteln und garantiert geistfrei aufbereitete Tickermeldungen der "Fakten-ohne-Bedeutung"-Klasse durch- und bis in die Senderkantine und -studios dringen dürfen, um den laufenden Betrieb zu speisen. Und, natürlich, die Werbehonorare seiner Mitarbeiter durch gefällige, wurstwarentaugliche Sympathiewerte weiter aufwärts kurven zu lassen.

Die Problematik der weltweiten Lebensmittelproduktion aber, ihre Grundlagen und Mißverhältnisse im Arme-Reiche-Länder-Warenverkehr sowie ihre biologischen, ökologischen und klimatologischen Grundlagen und Implikationen sind seit Jahrzehnten bekannt und sicher älter als der "unerwartet und plötzlich" um sein eigenes täglich Kantinenmenü bangende Tagesnachrichtenformular-Ausfüllredakteur der Deppenklasse, nur sein Sender hat es wohl geflissentlich und hartnäckig versäumt, darüber zu arbeiten und zu senden - die eigene Zuschauer-Welt darüber zu unterrichten. Auch diese Bewußtseins- und Berichts-Abstinenz war schon immer fördernd für die Höherentwicklung der Preise.

Doch im Konzert mit ihm tönt und kakophoniert es plötzlich aus allen Kanälen und Redaktionsgesäßen: Die "industrielle Landwirtschaft" sei "an ihre Grenzen gestoßen". Eine "radikale globale Agrarreform" wird gefordert. Die landwirtschaftliche Nutzung soll plötzlich "Priorität vor Biosprit" bekommen, auch im Bereich der Wirtschaftshilfe für Drittweltländer - doch die EG will schizophrenerweise trotzdem den Anteil des Biosprits am Benzinverbrauch weiter auf 10% steigern (auch wenn dieser Zusatzanbau die Böden auslaugt und den Grundwasserspiegel für jeden künftigen Lebensmittel-Anbau in unerreichbare Tiefen treibt). Der Präsident des deutschen Bauernverbands, Sonnleitner, fordert sogar eine "bessere, professionellere Landwirtschaft", und meint damit die weitere Steigerung des konventionellen, Böden-erodierenden Turbo-Anbaus, und nicht etwa die Rückkehr zu gesunden, biologischen, ebenso ertragreichen, aber erd- und bodenerhaltenden und -fördernden Anbaumethoden, wie sie z.B. gerade in einem groß angelegten Projekt der Stadt Wien anschaulich gemacht und nachgewiesen wurden. Und das sogar mit den für die Produkte biologischer Landwirtschaft möglichen höheren Preisen!

Auch der unermüdliche, aber nie mehr als nur höflich zitierte und dann konsequent überhörte Rufer in den heutigen Äckern und künftigen Wüsten, Jean Ziegler, fordert in einem Drei-Punkte-Plan wieder einmal, was er und andere jahraus, jahrein und in vielerlei Hinsicht der Welt, ihren Politikern, ihren Nachrichtenformular-Ausfüllredakteuren und deren Publikum vergeblich ins Bewußtsein zu bringen versuchen:

1. Ein "Verbot der Agrarbrennstoffe" muß her.

2. Die Börsenspekulationenen mit und zur Lebensmittelproduktion der Welt (Futures, etc.) sollten zumindest erschwert, wenn nicht unterbunden werden, um die Ernten nicht schon im Vorfeld von monetär-parasitären Zweibeinern schädigen und preislich verderben zu lassen.

Und 3. endlich die Subventionen der Erste-Welt-Länder für ihre Nahrungsmittelexporte zu beenden, um die Vernichtung der Landwirtschafts- und damit der Lebensgrundlagen in den ärmeren Ländern nicht noch katastrophaler, noch totaler werden zu lassen, zum Schaden letztlich  a l l e r  Erdenbewohner. Weil sie auf direktestem Weg zur inflationären Überhöhung aller Preise der immer knapper werdenden Lebensmittel für eine nicht absehbar lange Zukunft führen.

Nur die, die direkt oder über ihre Aktien und Investitionsfonds an der menschlichen Nahrungsabhängigkeit verdienen und durch die Verknappung bei weiter wachsendem Weltbedarf immer reicher werden, müssen sich um ihre artgerechte und standesgemäße Verpflegung keinerlei Sorgen ergeben: Während bereits heute die meisten der Fangfischarten überfischt werden und in ihrem Bestand bedroht sind, entwickeln Firmen wie Aqua Orbis bereits patentierte Fischzuchtanlagen für den besonders bedrohten Stör, und bauen Aquakulturanlagen, sogenannte "Stör-Becken", in Sachsen-Anhalt, den USA und in den Vereinigten Arabischen Emiraten, damit wenigstens weiterhin ausreichende Mengen an Kaviar zum Konsum verfügbar bleiben - 2007 waren es bereits 60 Tonnen Störfleisch und vier Tonnen Kaviar. Es wäre schließlich nicht auszudenken, wenn die alte, bekannte Indianerprophezeiung tatsächlich wahr werden, eintreffen würde: "Wenn der letzte Baum gerodet, das letzte Wild erlegt, der letzte Fisch gefangen ist, dann wird der weiße Mann feststellen, daß man Geld nicht essen kann." Auch das viele, viele Geld nicht, das die letzten Tonnen Stör und Kaviar noch eingebracht haben ?

Apropos Geld: Der IWF hat gerade den Schaden der Banken, der durch die Immobilienspekulationen in den USA, den Subprime-Markt und die Coduits der Risikostreuungs-Strategie weltweit entstanden ist, auf 945 Milliarden Dollar geschätzt. Doch wie berichtet die deutsche Publizistik darüber? Versucht man, uns diesen gemeinhin für unvorstellbar gehaltenen Geldbetrag etwa zu veranschaulichen, indem man uns zum Beispiel vorrechnet, daß man mit diesem Geld, das jetzt den deutschen Steuerzahlern von ihren Politikern aus den Taschen und Geldbörsen gestohlen wird, um die Zocker-Schulden der Banker zu bezahlen, zum Beispiel allen Rentnern, Arbeitslosen und ALG-II-Empfängern des Landes ein höheres Einkommen hätte bezahlen können, als es das derzeitige Durchschnittseinkommen eines Angestellten in Deutschland ist, und zwar für die nächsten zweihundert Jahre ? Zeigt man auf, wie viele Länder der dritten Welt man mit diesem Geld in florierende, selbsttragende Wohlstandsländern hätte verwandeln können, aus dem die Einwohner garantiert nicht mehr in die Erste Welt flüchten würden, um der fremdverursachten heimischen Not zu entkommen ? Oder einfach nur, wieviele fehlende Schalen Reis (siehe oben: Kambodscha) man mit diesem Geld hätte kaufen, wieviele Jahrtausende man die jetzt hungernden Schulkinder davon noch hätte ernähren können ?

Aber nein, soviel Geist und Komplexität sind buchstäblich "undenkbar" für deutsche Bildschirmleuchten! 945 Milliarden Dollar, das würde, wie die des ZDF, Claus Einfacher-KlausKleber, daher mit aufgeregt-stolzem Feuchte-Höschen-Blick zu melden weiß, weil sie mal wieder, wie bei ihr berufsbildend, irgendwo einen abgedroschenen Journalisten-Schnack aufgeschnappt, als Offenbarung und bereichernd empfunden und eifrig in ihren Berufs-Know-How-Fundus eingespeichert hat, um damit bei nächster Gelegenheit, die jetzt gekommen war, zu brillieren (heute-journal, 9.4.2008), "einen riesig hohen Dollarstapel ergeben, der bis ganz weit hoch ins Universum reicht", bis zum Mars etwa, oder so! Bo-eyhh! Bleibt nur noch die Frage nach der entscheidenden Information, die der Autor uns schuldig blieb, um die Sinnleere seiner Aussage und des auskunftgebenden Kopfs wenigstens mit der belanglosen Faktizität zu füllen, die ihr nach wie vor fehlt: Ein Stapel aus  w e l c h e n  Dollar-Scheinen reicht so hoch ? Ein Stapel aus Tausend-Dollar-Scheinen ? Hundertern ? Zwanzigern ? Oder wäre doch ein Stapel aus Ein-Dollar-Noten nötig, um - "Bo-eyhh!" - so weit ins Universum hoch zu reichen ? Nicht mal bei der eigenen sinnleeren Meldung gelingt es solchen Nachrichtenairbags, eins und eins zu reflektieren, bevor sie den Zuschauer mit ihrer geistigen Nullouvert-"Aufklärung" in die eigene kognitive Umnachtung schwätzen - vom Zusammenzählen garnicht zu reden.

Wäre doch schön, wenn wir das noch wüßten: Um uns endlich ein Bild davon machen zu können, wieviel Geld wir brauchen würden, um uns eine Treppe zum Mars zu bauen. Dorthin also, wohin uns ein anderer daktyloskopischer Weltbeschauer, Stephen Hawking, der uns nicht zu unrecht am Rand der ultimativen Katastrophe sieht (ohne deren Ursachen und Verursacher erkennen oder gar benennen zu können oder zu wollen), schon vor einigen Jahren die schleunigst zu veranlassende Massenflucht unserer Spezies empfahl!

Eben weil es auf diesem Planeten wohl bald nicht einmal mehr genug Hafer geben wird, um solche Esel standesgemäß zu ernähren.



(April 2008)