E S S A Y
DIE SCHATTEN DES
SCHÖNEN
SCHÖNEN
Vom Spazierengehen am Rand des Horizonts
I.
eine Verdummung."
(Alois vom Ski-Club Ischel,
Österreich)
Seit Erfindung der Fotografie hat die Malerei die Funktion der Abbildung von Wirklichkeit, des darstellenden Realismus verloren. Wissenschaft und modernes Weltbild haben jeden Versuch einer ästhetisch-sinnlichen Welt- und Erkenntnisvermittlung, also Bildung durch Kunst, endgültig als irrelevante Verblendung entlarvt. Ein Gemälde, wie jedes Kunstwerk, zu schaffen, ist nur noch legitim, um mit ihm seine eigene Irrelevanz als Kunst- und Vermittlungsform zu demonstrieren, durch Präsentation seiner Mittel und Techniken diese aufzuheben, es durch sich selbst ad absurdum führen zu lassen - und das so lange, bis niemand mehr malt und die Kunst sich selbst als kulturelles und gesellschaftliches Phänomen der Geschichte überholt und aufgehoben hat.
Wenn Sie auch nur zu einem dieser drei Sätze, einer dieser drei Thesen zustimmend genickt haben, sind Sie zwar ein Idiot, aber in bester Gesellschaft - und genießen zudem die kuschelig-wohlige Wärme des unterirdischen Nests, in dem sich mittlerweile, von einigen absolut raren und darum umso wertvolleren Ausnahmen abgesehen, die meisten zeitgenössischen Kunsttheoretiker und Denker eingefunden und gemütlich eingerichtet haben. Die Postmoderne hat die Moderne hinter sich gelassen und betreibt ausgelassen ihre solipsistische Höhlenparty, hat die Schatten an der Wand zwar als Illusion, den Ausgang aus der Höhle aber nicht erkannt und deshalb beschlossen, die Schatten zu feiern und Schattenspiele zum Wesen und Kern allen Seins, aller Existenz zu erheben, koste es die einstige und nur noch eklektisch zitierte Kultur samt ihrer Kunst auch, was es wolle. Sein darf alles, was geht, und da nichts wirklich Bedeutung und keine Bedeutung Wirklichkeit hat, ist alles möglich und alles egal. Die Kunst hat sich zu Ende gedacht.
Die Kunst ? Zu Ende ? Gedacht ?
Diese in Fachkreisen weit verbreitete Ansicht ist einmal mehr der Beweis dafür, wieviele Irrtümer der Mensch in der Lage ist, in einer knappen Formulierung zu beheimaten - in diesem Fall drei Irrtümer in einer Ausage von sieben Wörtern Länge.
Aufgrund dieses Postulats, dieses einen komplexen Denkfehlers, der von der ebenso berühmten wie begnadeten Kunsthistorikerin Lieschen Müller begangen und verbreitet worden ist und seither von sämtlichen Lieschen und Kläuschen Müllers der künstlerischen Welt ebenso gnadenlos und ungeteilt wie unreflektiert unterschrieben und perpetuiert wird, hat die Theorie und Entwicklung der bildenden Kunst seit nahezu einem Jahrhundert eine verheerend eindimensionale und für alle anderen Dimensionen destruktive Entwicklung genommen, wurde auf sich selbst verwiesen, machte sich mehr und mehr selbst zum einzigen eigenen Gegenstand ihres Schaffens. Selbstreferenz wurde zum Basisdogma und Credo jedes künstlerischen Willens und Schaffens und höhlte die Kunst von innen, quasi von Substanz und Inhalt her, mehr und mehr aus. Ein Postulat und ein Denkfehler, die spätestens seit McLuhans Medientheorie revidiert und, in ihrer Weichenstellung für die Kunst, hätten zurückgenommen und korrigiert, die Selbstreferenz wieder durch Inhaltsreferenz hätte ergänzt werden müssen. Spätestens.
Versuchen wir also, die Getäuschten zu ent-täuschen, und wenden uns sinnvollerweise den unsinnigen Thesen zu, die heute als Gemeinplätze und gesicherte Grundlage des zeitgenössischen Kunstverständnisses gelten und doch nur der Lehm des Höhlenbodens sind, in dem sich das von der Erkenntnis der eigenen Erkenntnisunfähigkeit niedergeschmetterte Denken wälzt.
Die Forderung der zeitgenössischen Kunsttheorie, Kunst habe sich selbst "zu Ende" zu denken (und bereits gedacht), ist ebenso absurd wie unverschämt. Man bürdet ihr damit die Funktion von Philosophie und Kritik auf - und hat so endlich den Esel gefunden, der unter der Last zusammenbrechen mag, die man selbst nicht mehr zu tragen imstande ist. Wenn die Philosophie als orientierungs- und sinnstiftende Instanz versagt, den Ausweg aus der Höhle weder gefunden hat noch sein Auffinden für möglich hält, ja nicht einmal die Schatten von ihren Verursachern, Ursachen und Wirkungen zu trennen vermag, wie sie dies in den letzten Jahrzehnten vorführt (und im Plauderton versucht, ihr Versagen poetisch zu überzuckern und zu stilisieren, indem sie sich kurzerhand und kurzen Verstands, ganz postmodern, selbst zur "Denk-Kunst" erklärt, quasi ihr Versagen zu ihrem Gegenstand und Inhalt macht, sich also, auf die Ästhetik eines gedanklichen Schattenspiels per se reduziert, selbst jede weitere Relevanz abspricht), so stellt man die Anforderungen, denen man selbst nicht mehr genügen kann, einfach an andere, etwa an die Kunst, und verlangt von ihr die Antworten, die man selbst nicht zu geben in der Lage ist.
Man umgeht das peinliche Schweigen einer fehlenden Antwortleistung, indem man die Frage weiterreicht und sich für unzuständig erklärt - treu und ganz im Gefolge des gravierenden, aber aus seiner Zeit heraus verständlichen und entschuldbaren Denkfehlers Platons (in seiner Politeia), der die bildenden Künste mit dem heute erstaunlich naiven Argument als zur Erkenntnis unbrauchbar abzutun versuchte, daß uns "etwa ein Maler einen Schuster, Tischler und Handwerker (malt), ohne auch nur etwas von einer der Künste zu verstehen". Also Forderungen eines umfassenden Wissens- und Erkenntnisstands (und dessen Vermittlung) an die Kunst stellt, die ihr ad hoc überhaupt nicht Bedingung sind - um sie dann daran zu messen. Muß man das Navigationssystem der Concorde verstehen, um den Piloten oder sein Flugzeug zu malen ? Kann nicht gerade das Unverständnis des flugtechnischen "Laien" vielleicht das "bessere", weil ästhetisch orientierte Bild der Cockpittechnik liefern ?
Die Konkurrenz zwischen Philosophie und Kunst konnte von Platon in einer Zeit, als Zivilisation noch in allen Aspekten und für jeden vollkommen überschaubar und (potentiell) verständlich war, zugunsten eines philosophischen "Allwissensstandes für jeden" entschieden werden: Die Schatten an der Wand seiner Höhle hatten gefälligst umfassende Auskunft über das Geschattete zu geben, dessen Erkenntnisstand zu spiegeln - oder zu verschwinden. Heute sind selbst jahrzehntelang gepflegte elektronische Datenbanken nicht in der Lage, ein nur annähernd vollständiges Bild des zeitgenössischen Wissensstandes zu seiner Aufarbeitung und seinem Verständnis beizutragen, geschweige denn ein einzelnes Philosophenhirn in einem Menschenkopf. Muß die Kunst deshalb auf Abbildung von Wirklichkeit(en), auf den eigenen Beitrag von Bildern zu dieser Wirklichkeit, auf Beitragleistungen schlechthin verzichten - oder aber irrelevant sein ?
Daß Kunst sich selbst, die eigene Medialität, zu verstehen hat, steht außer Frage - aber die ist weder ihr Zweck noch Auftrag, befreit sie nicht vom inhaltsvermittelnden Auftrag, auch wenn in ihrer Entwicklungsgeschichte die Autoreferentialität eine Spielart der Inhaltsvermittlung sein konnte und mußte. Aber damit ist ihre Funktion keineswegs "beendet" und erschöpft, wie ein dröge auf diesen Aspekt reduziertes Fehlverständnis von "Moderne" es vermeinte (und damit den kläglich überforderten Spatzenhirnen in Philosophie und Kunst die Hervorbringung der geistfrei-fragmentierten Irrelevanz einer "Postmoderne" ermöglichte, die heute, ganz autoreferentiell, neues Paradigma zu sein beansprucht) - sie ist sich lediglich ihres Instrumentariums bewußt geworden, um es besser und präziser zu beherrschen und einsetzen zu können.
Nicht erst die "Postmoderne" macht "Malerei" wieder möglich, indem sie sich um die Moderne nicht mehr zu scheren müssen meint. Die Moderne selbst, mit ihrem dynamischen Aufklärungsanspruch, ist längst nicht "zu Ende" "gedacht" - und wird es erst im finalen "Weltgeist" sein. Die Malerei selbst hat aus einem verkürzt modernen Fehlverständnis auf sich selbst verzichtet - und dieser Selbstverzicht ist problemlos und jederzeit revidierbar, ohne sich dafür auf "postmoderne" Ignoranz reduzieren zu müssen.
Ursache für den gravierendsten Denkfehler der Moderne, die Fotografie sei der Malerei bloß alternierend und habe sie damit, als "zeitgemäßeres" Medium, in ihrer Abbildfunktion, der Funktion realistischer Darstellung, abgelöst, ist die unwissenschaftliche und letztlich gänzlich unlogische Verwechslung und Vermischung verschiedener Aspekte und Dimensionen von Kunst - hier die Verwechslung und Vermischung der kulturhistorischen und soziologischen Dimension mit der medienspezifischen und qualitativen, also von Funktion und Gegenstand, von Zweck und Mittel (Medium), semiotisch: von Interpretant und Zeichen selbst. Die ästhetische Pragmatik des kulturellen und soziologischen Kontexts, die Malerei in Ermanglung anderer Darstellungsformen eine kurze historische Weile lang als Dokumentationsmedium sichtbarer Realitäten gebraucht und mißverstanden zu haben, wurde und wird illegitimerwise zur Definition des Mediums, des semiotischen Zeichenträgers und Zeichens selbst benutzt - und das resultierende Unverständnis für eine Erkenntnis, durch die ästhetische Pragmatik des Gebrauchs die unterschiedlichen Medien selbst für austauschbar gehalten. Was sie weder je waren noch sind.
Um die lange Geschichte eines zu kurzen Denkens, mit allen notwendigerweise falschen Folgeschlüssen für die Kunst, ihre Bedeutung und Entwicklung, ein für allemal zu beenden: Ja, die Malerei wurde vor Erfindung der Fotografie zu vermeintlich dokumentarischer Abbildung von Wirklichkeiten in Anspruch genommen. Nein, die Fotografie hat der Malerei nicht den Bereich der realistischen Darstellung von Wirklichkeit "abgenommen" - nur den zu dokumentarischen Zwecken, der bis zu ihrer Erfindung vakant war und von der Malerei ohnehin nur unzulänglich und nie wirklich effektiv (weil immer künstlerisch geprägt und Ansicht, nie Durchsicht - vom späteren Fotorealismus einmal abgesehen, der den Prozeß nur spielerisch umkehrte) mit abgedeckt wurde.
Nicht die Fotografie hat mit ihrer Erfindung die Malerei "abgelöst", sondern die Malerei hatte, aufgrund des bestehenden kulturellen Bedarfs und in Ermangelung der noch ausstehenden Erfindung des anderen Mediums, temporär die Funktion der Fotografie vorweg und mit übernommen, ohne ihr je wirklich gerecht werden zu können - ohne ihr je wirklich entsprochen zu haben.
Die "Kunst" hatte aufgegeben, was sie einmal war, war Handwerk ohne Sonderstellung geworden, wenn auch besonderer Wertschätzung, und die "Moderne" mit ihrem Aufklärungs- und Erhellungsanspruch lauerte noch um die Ecke der Geschichte, sie über sich selbst ins Bild zu setzen. Kunst war bloßes Abbild von Realität - und zugleich ihr verschönender Teil: Beitrag des Menschen zu ihrer Zierde, aber nicht mehr Vision zu ihrer Vervollkommnung und Überbauung.
Und auch ein Chagall konnte daran später nichts mehr ändern, keinen Kunst-Begriff mehr formulieren - nur einen Chagall-Begriff etablieren. Der "nackte Affe" spielt bis heute nur noch mit seinen Werkzeugen herum.







