N.A. EICHLER - ART GALLERY-LOGO

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NACH VALENTINSTAG UND ASCHERMITTWOCH:

MURUROA, MON ATOLL!

"Der schönste Gegenstand, den ich jemals auf einer Photografie gesehen habe, ist die Erde vom Mond aus betrachtet, wie sie im Weltraum schwebt und lebt. Obwohl sie auf den ersten Blick aus unzähligen, separaten Arten von Lebewesen besteht, zeigt eine nähere Untersuchung, daß jedes 'Arbeitsteil' der Erde (einschließlich uns Menschen) durch ein enges, gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis mit allen anderen 'Arbeitsteilen' verbunden ist. Kurz gesagt: Die Erde ist das einzig wirkliche geschlossene Ökosystem, das jeder von uns kennt. Anders gesagt: Sie ist ein Organismus. Er wurde vor schätzungswise 3,8 Milliarden Jahren zum Leben erweckt, und ich wünsche ihm einen schönen Geburtstag und noch ein langes Leben, für unsere Kinder und Kindeskinder und deren Enkel."
(Iewis Thomas, 1984)

Am 28. Februar 2010 jährte es sich zum 14. Mal. Und auch in diesem Jahr erinnerte sich, vor lauter Valentinstags- und Aschermittwochs-Stumpfsinn der kalenderformularen und bauchnabelhorizontalen Lebensgestaltungs-Kulturen unserer gegenwärtigen Planeten-Populationen, wieder mal keiner daran - aller vermeintlichen oder auch tatsächlichen Empörung und Aufmerksamkeit zum Trotz, die die Frankfurter Rundschau Ereignisse vor gerade mal 14 Jahren weltweit begleiteten. Längst ist das Bewußtsein jedes durchschnittlichen Zeitgenossen chancenlos überfordert mit der Aufgabe, Schritt zu halten mit den aktuellen Zeitereignissen des zeitlos-historischen Szenarios des Weltgeschehens - umso mehr und vollständiger, als der eigene Bewußtseinshorizont, im Kielwasser der Wirtschafts-"Globalisierung", gefälligst planetarisch erweitert zu sein hat, mit Über- und Durchblick in jeder Hinsicht, auf allen Kontinenten, in allen Feldern, Themenbereichen und Tiefen. Und das möglichst nicht als Zufallsquilt einzelner Splitter Frankfurter Rundschau und Fragmente, sondern noch logisch vernetzt, also komplex, in umfassender Über-Sicht.

Noch am Abend des 28. Februar 1996, an dem um 12:30:03 Ortszeit Frankreich die sechste und letzte Atombombe im Zentrum des pazifischen Fangataufa-Atolls seiner polynesischen Überseegebiete zündete (weit genug weg von Frankreich, um die Betroffenheit und Empörung weitgehend anderen Ländern und ihren Regierungen zu überlassen), begann ich das sechste Ölbild meines Bilderzyklus "LA FRANCE RADIANTE", der die Atomversuche von Anfang an Le Monde kunstdokumentarisch begleitet und in Gemälden und Kohlezeichnungen festgehalten hat.

Um die mit dem lautstarkem Pathos gerechter Empörung vorgetragenen Proteste der Regierung des sich am betroffensten und empörtesten gebenden Landes Australien in dauerhaft wirkungsvolle Medien-Kommunikation und deren Impakt zu einem unübersehbaren, zeitlosen Bewußtseinsappell zu transformieren, bot ich der australischen Regierung ein ebenso neuartiges wie spektakuläres Kunstprojekt an: Ich werde jeden Atomversuch mit einem Ölbild und begleitenden Kohlezeichnungen dokumentieren. Diese werden, etwa in der Lobby des Opernhauses von Sydney, dauerhaft ausgestellt und von Vorträgen Frankfurter Rundschau begleitet, solange die Versuche andauern. So würde, im Laufe der auf mehrere Monate angelegten Versuche, die zeitgleiche Dokumentation des Frevels gegen das menschliche Leben und seiner planetarischen Lebensgrundlagen ebenso zu einem bleibend "anschaulichen" Manifest gemacht und lebendig plakatiert wie die damit verbundene zeitlos-künstlerische Abmahnung dieses irrwitzig-fehlgeleiteten, vernunftlosen Zivilisationsverständnisses, das den zeitgenössischen politischen Fehlhaltungen, ihren orientierungslos-fehlentwickelten kulturellen Weltbetrachtungskonzepten weltweit zugrunde liegt.

Daß die Diplomatiehülsen der im Vorfeld der Atomversuche vor laufenden Kameras in den internationalen Nachrichtensender Frankfurter Rundschau vorgetragenen Proteste (ebenso wie die pünktlich jedem einzelnen Atomtest folgenden) allerdings eher als administrativ-formale Pflichterfüllung den eigenen Wählern gegenüber denn als inhaltlich ernstgemeintes Engagement zu verstehen waren, begriff ich erst am 5. Dezember 1995, als mir der australische Botschafter in der Bundesrepublik, Max Hughes, höflich und wenig bewegt in einem offiziellen Schreiben mitteilte, daß von Seiten der australischen Regierung kein Interesse an meinem Vorhaben bestehe, ich mich aber, wenn mir das wichtig sei, an Greenpeace Australien oder einige Kunstgalerien in Sydney wenden könne, mit deren Kooperation mein Projekt vielleicht zu verwirklichen sei (deren Anschriften fügte er freundlich hinzu). Da hatten bereits Frankfurter Rundschau (beginnend am 5. September auf Mururoa) drei Atomversuche stattgefunden, der vierte (am 10. Dezember) stand unmittelbar bevor, und an eine realistische Perspektive auf Verwirklichung des Vorhabens war auf dieser Grundlage nicht mehr zu denken.

Daß das trotzdem längst verwirklichte Kunstprojekt "LA FRANCE RADIANTE" bis heute (und an diesem 28. Februar 2010 zu seinem 14. Jahrestag) immer noch nicht von einer breiteren Öffentlichkeit bei Licht betrachtet werden konnte, liegt an den ablehnenden Haltungen von Kunstgalerien und Medien ebenso wie von Kunstbuchverlegern und Kulturdezernenten. Und so kommt, zumindest zur Zeit, nur mein privilegiertes INCREDIBLE WEBSITE-Publikum (nach den Lesern Frankfurter Rundschau meines ehemaligen EICHLER-BLOG/N.A.'s SPACE) zu dem Vorzug, die Bilder und ihr begleitendes Manifest schon mal eingehend und nachdenklich meditieren und reflektieren zu können - mit hoffentlich dauerhafter Wirkung auf ihr Weltbild und der damit verbundenen Chance, ihre persönliche Haltung und Einstellung zu einem sich in den offenen, administrativ etablierten und praktizierten, also "ganz normalen" Irrsinn entwickelnden politisch-wirtschaftlichen Planeten ein wenig zu justieren.

Warum es wichtig ist, das Weltgeschehen künstlerisch zu begleiten, zu bearbeiten und zu kommentieren (obwohl gerade das in der postmodernen Verirrung der "Anything goes"-Theoretiker ohne Horizont und Theorie, die das Handtuch der klassisch-modernen Bewußtseinsbildung geworfen und in die Ecke des formalästhetischen Beliebigkeitsdenkens und -marketings übergewechselt sind, völlig aus der zeitgenössischen Kunstbetrachtung entschwunden ist), also das, was jeder aus Film, Funk, Fernsehen, Radio, Zeitschriften und Internet zu kennen meint, mit den Mitteln der intentionellen Imagination neu zu fassen und auch künstlerisch zu "kommunizieren", habe ich in meinem Kurz-Essay "Die Botschaften der Medien" kurz umrissen (siehe auch Seitenspalte links). Das dort Gesagte gilt nicht nur für dieses spezifische "La France Radiante"-Projekt, sondern ist als grundlegend und grundsätzlich zu unserem heutigen Medienverständnis zu begreifen.

Zur Einstimmung auf die Bilder des Projektzyklus hier der Text des sie begleitenden Manifests, zu den Bildern selbst kommen Sie an seinem Ende. Beider Titel:




LA FRANCE RADIANTE

Ein künstlerisches Manifest


Ein Hirnriß geht um auf der Erde - der Hirnriß vom beliebigen Umgang mit unserem Planeten, seiner Natur, seiner Beschaffenheit und Befindlichkeit.

"Business as usual" ist das Paradigma, wenn alle Paradigmen der Vernunft, des Verständnisses, der Über-Sicht auf die Dinge, auf das eigene Handeln und seine Folgen im Kontext des menschlichen Lebens auf dieser Erde und des Lebens der Erde unter unseren Füßen abhanden gekommen sind. Und "usual" ist gewöhnlich alles "business", das einer (sich aus-) zu denken imstande ist, der dafür gewählt und bezahlt ist.

In seinen Wahlreden hat der Präsidentschaftskandidat Chirac das "strahlende Frankreich", "la France radiante" der gaullistischen Ära beschworen, dessen Wiederbelebung angekündigt - und damit Millionen frustrierte und krisenverdrossene Franzosen dazu gebracht, ihre Chiracverdrossenheit zu überwinden und ihr Stimmkreuz neben sein Lichtversprechen zu setzen.

Was aber Chirac darunter verstand und versteht, wurde erst kurz nach seiner Wahl richtig deutlich: die nukleare Strahlkraft von Atomversuchen inmitten einer der letzten paradiesischen Regionen dieses Planeten, die diese Bezeichnung, jenseits aller Reiseprospektsprache, noch wirklich verdienen.

Nein, Herr Chirac, non, Monsieur Glucksmann: Polynesien ist nicht bloß eine der schlicht "aus Wasser bestehenden Wüsten", in denen "man solche Versuche nun mal zu machen pflegt". Polynesien ist eines der letzten (und eines der schönsten) natürlichen "Wunder" unserer gemeinsamen Erde, und wenn schon seine Optik zunächst keinen weiteren Schaden genommen zu haben scheint, so ist es doch jetzt kaum noch dafür geeignet, bei einem persönlichen Besuch angemessen gewürdigt zu werden, erhebt auf lange Zeit niemanden mehr über die profane Sicht eines nur ökonomisch und technisch verwalteten Planeten, dient niemandem mehr als zeitloses Monument der Schönheit der Schöpfung, die in den pervertierten Stahl-Glas-Paradiesen unserer industriellen Lebenswelten so schnell vergessen und so leichtfertig mißachtet werden.

Ist und war eines der letzten und schönsten natürlichen Wunder trotz der nuklearen Versuche der jüngeren Vergangenheit.

Und wird es wohl nach den erneuten, "Versuchen" genannten Atombombenzündungen kaum noch sein und bleiben können.

Ob diese "Versuche" politisch und militärtechnisch sinnvoll waren und sind, ist das Thema einer anderen Diskussion.

Daß sie - an diesem Ort und zu dieser Zeit - ein zivilisatorisches und ökologisches Desaster sind, das seine künstlerisch-ästhetische, nachhaltig-demonstrative Würdigung und ein zeitlos-philosophisches Mahnmal verdient, steht allerdings außer Frage, auch wenn es bisher noch keinem anderen Künstler aufgefallen zu sein scheint, oder ihm schlicht die künstlerischen Perspektiven und Mittel dazu abgehen.

"La France radiante" hat in der Vergangenheit, und nicht nur im traditionellen Selbstverständnis Frankreichs, einen ganz anderen Klang, hat ein ganz anderes Licht in den Lärm, in die Dunkelheit der menschlichen Kulturen dieses Planeten auf ihrem Weg von der Barbarei zur Zivilisation eingeführt - einen Klang der Vernunft, der Aufklärung, ein Licht der Humanisierung und Kultivierung im besten Sinn dieser Begriffe.

"La France Radiante" des Präsidenten Chirac ist die technokratische Kehrseite dieses traditionellen Kulturanspruchs: Der Formalismus der Macht, der sich über die Inhalte und Werte keine Gedanken mehr machen zu müssen, von Verantwortung, über das Funktionieren des eigenen Staatsapparats hinaus, befreit zu sein meint.

"La France radiante" war in der Vergangenheit das Licht des souveränen Geistes, das diesem Planeten seine bis heute besten Verfassungen, die französische, die amerikanische und die deutsche, geschenkt hat.

"La France Radiante" des Herrn Chirac dagegen ist das strahlende Weiß der gefährlichen Gischt eines atomar aufgewühlten Elements, das mehr zersetzt als "nur" ein paar hundert Quadratkilometer "Wasserwüte": Nämlich den letzten Rest von Verantwortlichkeit und Vernunft, die letzten Hemmschwellen des Bewußtseins im Umgang mit den natürlichen Bedingungen und Gegebenheiten auf diesem Planeten, der auf absehbare Zeit die einzige Heimat und Lebenswelt der Menschheit in einem sonst von buchstäblich "wüsten" Planeten und Himmelskörpern erfüllten Universum ist.

"La France radiante" der Vergangenheit wurden Hymnen gesungen und Denkmäler gesetzt, die bis heute die Kulturen aller zivilisierten Länder dieses Planeten bereichern.

"La France Radiante" des Herrn Chirac hat nun ebenfalls seine adäquate Hymne, sein gemaltes Denkmal erhalten: Den Bilderzyklus "LA FRANCE RADIANTE" aus meiner Naturkunst-Serie "TREESCAPES".


N.A. EICHLER - LA FRANCE RADIANTE



N.A. EICHLER
(November 1995)