N.A. EICHLER
Das Sepher Yetsirah
Von Tümpeln, Pfützen, Rinnsalen zur Quelle
Das Sepher Yetsirah ist das qabbalistische Grundlagenwerk
- ein anderes gibt es nicht, sieht man von den im Zohar versammelten Kommentaren zur
Bibel und zum Sepher Yetsirah einmal ab. Umso erstaunlicher ist es in dieser Zeit der
Renaissance des Interesses an allen "Mysterien" und Mysterien, daß zwar eine ganze
Reihe von Autoren etwas zur Qabbalah zu sagen und veröffentlichen wußte, sich aber kaum
einer des Ursprungs dieser "Wissenschaft des Wortes" entsonnen hat. Weil man ihn, wie so
oft bei reaktualisierten Themen, schlicht und einfach vergessen hat - oder einfach
garnicht kannte ?
Die Fülle der in den letzten Jahren veröffentlichten Arbeiten zum Thema Qabbalah - dem
"Yoga des Westens", wie Dion Fortune genial definierte - läßt allzu leicht übersehen,
daß sie zu allen Zeiten ein Thema war, das Berufene wie Unberufene herausforderte, sich
mit ihm zu beschäftigen - wenn auch aus den unterschiedlichsten Motiven. Schlimmstenfalls
mit der unverhohlenen Absicht, ihre Nichtigkeit nachzuweisen, eine Absicht, die
regelmäßig am Gegenstand scheitert (und für den, der ihn kennt, nur scheitern kann).
Nichtsdestotrotz gibt es einige Veröffentlichungen, die es verdienten, erinnert und neu
entdeckt zu werden, bevor man sich dem flachen Wasser und den allzu offenkundigen
Seichtigkeiten der Autorenschwemme zum Thema anvertraut: Allzu vieles ist von allzu
vielen veröffentlicht worden, und bei den Kennern der maßgeblichen Werke zur Qabbalah
ist nur allzu offenkundig, daß da alle von denselben, leicht zugänglichen Quellen
abschrieben oder sich "inspirieren" ließen, im Übrigen aber sowohl dem Thema als auch
seinen fundamentalen Quellen gegenüber weitgehend ignorant geblieben sind.
In diesem grobmaschigen Netz der Unkenntnis Lücken zu schließen ist nicht leicht.
Immerhin aber möchte ich jeden am Thema Interessierten auf zwei Bücher aufmerksam
machen, die alle anderen "modernen" Publikationen zum Thema in Turmeshöhe überragen:
"La Qabbale Juive" von Paul Vuillaud (Paris 1965, 500 nummerierte Exemplare), und Dion
Fortunes "Mystical Qabbalah" (Verlag Ernest Benn Ltd., London) - beide leider immer noch
nicht in deutscher Sprache erschienen. Mit diesen beiden Werken aber wirkt sich das
grobmaschige Netz qabbalistischen Wissens schnell zu einer geschlossenen Leinwand, auf
der sich andere, bekanntere Arbeiten zum Thema bestenfalls nur wie flüchtige
Projektionen und Momentaufnahmen einzelner Aspekte ausnehmen und identifizieren
lassen.
Dafür genießt der deutschsprachige Raum ab heute zumindest das Privileg, über eine
eigene Übersetzung des qabbalistischen Grundlagenwerks, des Sepher Yetsirah, in
zeitgemäßer Fassung und Kommentierung zu verfügen - eine Arbeit, die ich bereits 1977
abgeschlossen habe und die, aufgrund verschiedenster widriger Umstände, bis heute
unveröffentlicht geblieben ist (von einer gekürzten, englischen Ausgabe, die ich 1978
in kleiner Auflage als Privatdruck selbst verlegte, abgesehen). Daß ich bis heute kaum
ein Wort zu ändern hatte, bewies auch mir den zeitlos geschlossenen Charakter und Wert
der Arbeit.
Nach einer gewissenhaften Einführung in das Umfeld und Verständnis dieses ältesten
(und nahezu einzigen) qabbalistischen Klassikers, in der ich den Verständnis- und
Anspruchsrahmen der Qabbalah und insbesondere des Sepher Yetsirah unter Berücksichtigung
aller relevanten Quellen abgesteckt habe, gebe ich in Teil II. einen Originaltext des
Buches sowie meine Übersetzung, zu deren Erstellung ich dem Rabbi der jüdischen Gemeinde
in Paris und einer jüdischen Buchhandlung, die mir bei der Klärung einiger
nicht-hebräischer (aramäischer) Begriffe, die im modernen Hebräisch nicht mehr
vorkommen, behilflich waren, zu Dank verpflichtet bin. Ein Originaltext deshalb,
weil es durchaus eine Reihe von unterschiedlichen Text-Ausgaben gibt, wovon mindestens
drei Versionen ernsthaft einiges Alter für sich beanspruchen können - so unterschiedlich
sie in Länge und Ausführlichkeit auch sein mögen.
Ich habe mich bei der Übersetzung für den kürzesten und klarsten der Texte entschieden,
und zwar nicht, um meiner rein mythologischen und keineswegs realen Faulheit einen
erneuten Triumph zu gönnen, sondern weil er gegenüber den anderen Texten keinerlei
Nachteil, aber einen entscheidenden Vorteil hat: Er beschränkt sich auf die Substanz der
Aussage, ohne verschnörkelndes, mythologisierendes und folklorisierendes Beiwerk, wie
dies in der um ihre Identität ringenden jüdischen Kultur nahezu jedem Text angetan wurde
und wird, um ihn nur ja "ganz traditionell" und besonders jüdisch zu machen. In dieser
Substanz und Essenz sind sich alle Texte gleich, manchmal wörtlich übereinstimmend - und
was bei anderen Texten hinzukommt, ist oft nichts anderes als das floskulierende Ausloben
der jüdisch-historischen Patriarchen und Paradigmen, das einem Nicht-Juden wie mir schon
bei zweitem oder drittem Lesen eher lästig, weil banal und einem Textverständnis eher
hinderlich ist.
Der Originaltext selbst aber ist hier nicht wiedergegeben, um dem Leser en passant
einen Grundkurs in Althebräisch abzuverlangen. Sondern weil ein (Grund-) Verständnis
der Qabbalah ohne ein direktes Eingehen auf die "heilige Schrift", also das hebräische
Buchstaben-Zahlen-Alphabet (mit dem ja auch das Alte Testament verfaßt wurde) unmöglich
ist - denn die Qabbalah selbst ist ja die Wissenschaft der transzendenten Bedeutungen
von Zahl, Buchstaben und Wort, und ihre Symbolik ist (wie leicht ersichtlich werden
wird) nur verständlich im direkten Gebrauch der hebräischen Buchstaben. Auch wenn
Steiner, nicht ganz zu Unrecht, aber auch nicht ganz zu Recht, in der deutschen als
einziger der westlichen Sprachen direkte Analogien sah. Und auch wenn eine Reihe von
magischen Schwätzern (wie Franz Bardon) mit großmäulig vorgetäuschten, dabei hanebüchen
falsch aufgeschnappten hebräischen "Quellen"-Kenntnissen westliche
"Kabbalah"-Praxis-Alphabete veröffentlicht haben, die jedes geistige Grundverständnis
wirklich höherer Ordnung vermissen lassen - dafür in umso üppigerer Breite vorführen,
auf welch niederer Verständnis- und Praxis-Ebene sie damit magisch in anderer Leute
Aura und Leben herumpfuschen.
Den eigentlichen Hauptteil dieser Arbeit aber bildet Teil III., den ich in meiner
legendären Bescheidenheit schlicht "Lexikon" genannt habe. Zwar ist er wie ein Lexikon
aufgebaut (entlang einfacher Zahlen-Referenzen zu den Textstellen im Sepher
Yetsirah), mit Begriff, Übersetzung und Erläuterung. Diese Erläuterungen aber bilden,
neben dem übersetzten Originaltext, die eigentliche Substanz der Arbeit und könnten,
leicht verändert, auch ohne das Textbuch als umfassende Einführung in ein
themenrelevantes Grundwissen gelesen werden. Zu seinem Verständnis, wie zum Verständnis
der Qabbalah schlechthin, sind sie ohnehin selbst in dieser Tiefe und Genauigkeit
unerläßlich (auch wenn so manche zweifelhafte Publikation ohne sie auskommen zu können
meint - was dann beispielweise an der Unfähigkeit deutlich wird, das Wort Qabbalah
selbst, und das ist alles andere als unerheblich, richtig, nämlich so, zu transliterieren;
und nicht nur daran).
In Teil IV. habe ich die im Sepher Yetsirah offenbarte "Wissenschaft der Zahlen und
Buchstaben" mit ihren Entsprechungen in überschaubare Tafelform gebracht, und zwar in
ihren esoterisch richtigen Entsprechungen und Bedeutungen (die selbst bei Paul Vuillaud
aus traditionellen Geheimhaltungsgründen noch intentionell vertauscht, also falsch
wiedergegeben werden), die der einfachen Referenz und schnelleren Memorisierung dienlich
sind - wer mit ihnen vertraut geworden ist, muß ohnehin immer seltener auf den Text
selbst zurückgreifen.
Und in Teil V. schließlich, den Mandalas, habe ich, ergänzend zu den im Sepher Yetsirah
gemachten Angaben, das praktische qabbalistische "Wissen vom Wort" überschaubar gemacht,
das in verschiedensten Quellen zu finden ist und das sich mir durch eigene Praxis und
Prüfung bestätigt und bewiesen hat.
In dieser Komprimierung dürfte deshalb diese Ausgabe des Sepher Yetsirah in bisher
einzigartiger Weise alles qabbalistische Wissen zusammenfassen, das auf der verbalen
Ebene der Kommunikation mitteilbar ist. Es ersetzt deshalb, zumindest was die
esoterisch-geistige Komponente angeht, so gut wie alle anderen Bücher zum Thema - es
sei denn, sie enthalten breitere, kulturanthropologische wie religionsphilosophische
Erläuterungen dieses Grundlagenwerks und seiner Geschichte, oder sie referieren
einseitig, religionsgebunden auf seine Elemente.
Zum Sepher Yetsirah selbst aber dürfte es, meines Wissens nach, keine andere
Übersetzung und Kommentierung geben, die sich dieser in Tiefe und Vollständigkeit auch
nur annähert. Und ich sage das in nüchterner Kenntnis fast aller zum Thema erschienenen
Arbeiten in deutscher und englischer, sowie vieler Arbeiten in französischer Sprache,
und in durchaus positiver Bewertung vieler deren einzelner Aspekte.
Aus den in den letzten zwanzig und insbesondere in den letzten zehn Jahren erschienenen
Arbeiten zum Thema aber lohnt sich nur ein Buch, herausgehoben zu werden: "The Work of
the Kabbalist" (sic - leider!) von Rabbi Z'ev ben Simon Halevi, auch dieses bisher
nur in Englisch erhältlich.
Die übrigen Büchlein und Werkchen zum Thema, die in der damals weltgrößten Buchhandlung
Foyles in London schon Ende der siebziger Jahre die Regale einer ganzen Etage füllten -
von wohlmeinenden esoterischen Nachkommen des Hippie-Mystizismus bis hin zu den immer
gleich miserabel-drögen und primitiv-korrupten Vor-, Mit- und Nachläufern der diversen
schwarzmagischen Klubs, Gangs und Ganoven-Cliquen (selbstbeschönigend "Logen" und weiß
der Himmel wie sonst noch geheißen - und es gibt keine "weißen", jeder ihrer
bemühten Selbstdarstellungen nach debil schwarz-weißem "Good cop/Bad cop-Schema" zur
Täuschung ihrer Opfer zum Trotz: nur ein okkultfaschistisches Netzwerk
unterschiedlicher Gesichter und Embleme), mit immer denselben Transliterations-,
Schreib- und Interpretationsschwächen, auf den immer selben Geistes-, Logik- und
Verständnisdefiziten sowie intentionellen Verfälschungen beruhend, die den
zeitgenössischen Okkultistenabschaum durch alle Ebenen der Gesellschaft hindurch nun mal
charakterisiert, so daß man's müde wird, auch nur näher hinzusehen - habe ich schon vor
geraumer Zeit aufgehört, zur Kenntnis zu nehmen.
Mit anderen Worten: der Weg zurück zur Quelle und einem fundierten, sauberen und
integren Verständnis der wahren Qabbalah ist in den letzten Jahrzehnten um einige
Meilen bedruckten Papiers länger geworden, und die mißbrauchte Natur wird sich für
die verschwendeten Holzprodukte sicher karmisch bei den Autoren rückmelden.
Auch deshalb ist es mein ernsthafter Wunsch, daß diese Neuausgabe des Sepher Yetsirah
über alle Flußwindungen hinweg den direkten Zugang zur Quelle wieder ermöglicht. Wer
danach in seichten, entropierten Nebenarmen des Flusses baden und sich dabei an das
köstliche Quellwasser erinnern will, dem sei das von Herzen gegönnt und unbenommen - er
kennt aber dann zumindest den Geschmack, den er in anderen, trüberen Gewässern vermissen
mußte und weiterhin wird.
N.A. EICHLER
- Okt. 1985 -
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