PostScript 5
P - Ä - N - G - !
URPS! ZOOIIINNNNG! KRATZ! KRACH! KICHER! BOOIIING! ZISSCCCHHHH!
Das wesentliche Merkmal, das den Menschen vom Tier unterscheidet, ist die Fähigkeit der
Anteilnahme am Außer-Ich, dem anderen, die Möglichkeit einer, wenn auch noch so
rudimentären, Identifikation mit seinen Artgenossen, die in Mitfreude und Mitleid,
Gemeinsinn und sozialem Interesse sich manifestiert. Dieses "menschliche" Potential
steht und fällt mit der Kommunikation zwischen den Menschen - es entfaltet sich, wo
Kommunikation und Information möglich, es entfällt, wo sie unmöglich, verhindert und
ausgeschlossen, "der/die andere/n" außer Sicht-, Hör-, Reich- und Fühlweite sind,
zumindest weit genug auf Distanz zur inneren und äußeren Begrenzung des eigenen
"Welt"-Kreises. Wer Menschen beherrschen will, und verhindern, dass sie sich über
ihren Status austauschen, sich erklären, aufklären, verabreden und zur Erkenntnis
ihrer Unterdrückung kommen können, der muß nur ihre Möglichkeiten dazu beschneiden
oder zumindest kontrollieren, und das System "funktioniert".
Kommunikation ist Sprache, welche Form - verbal, visuell, akustisch, gestisch - sie
auch annimmt, auf welcher Ebene sie auch stattfindet. Wer die Sprache kontrolliert,
kontrolliert den Menschen, sein Bewußtsein, sein Weltbild, sein Leben schlechthin. Und
wer Menschen verblöden will, der muß a) jeder ernsthaften und inhaltlichen
Auseinander- (oder Zusammen-) setzung aus dem Weg gehen, und b) billige, nicht
angreifbare Repräsentationen für sein erwünscht falsches Weltbild anbieten, die das
Bewusstsein scheinbar mit Inhalten und Aussagen bedienen und zufrieden stellen, in
Wahrheit aber im Autodelirium von nicht erkannten Verblendungen halten. Beides gelingt
mit jeder Art von Symbolsprache, da unpräzise und übersetzungsbedürftig und als Vehikel
für jede Projektion, jeden schwachen Sinn, jede manipulative Kommunikation, die sich
konkreter Überprüfung entziehen will, hervorragend geeignet. Und beides ist das, was
die adeptischen Gemeinplätzchenbäcker der selbsternannten "kosmischen Hierarchie"
praktizieren, worauf sich das lächerliche Machtgefüge ihres okkulten
Biederkeitsimperiums stützt.
Wer also vom Gangstertum der Eingeweihten redet, das als Schattenmacht heute
weitgehend alle öffentlichen und privaten Lebensbereiche beherrscht und kontrolliert,
der "kosmischen Hierarchie" der "Illuminaten" und "(Frei-) Maurer" jedweder Benennung
und Provenienz, ihrer "sanften Verschwörung" (und wie sich diese - "Mister Bombastic,
Mister Phantastic" - okkult-weltliche Bewegung wild und größenwahnsinnig gewordener
Klein- und Großbürger, potemkinsch aufgeblasen, beschönigend und gigantoman wie in
allen ihren Dingen, sonst noch so nennt) und ihrer Macht über Menschen, muß auch von
ihrer Sprache reden, dem wichtigen Herrschaftsinstrument, das, neben den okkulten
Praktiken der Verblendung, Verblödung und Vergewaltigung von den "inneren Ebenen" der
Wirklichkeit her, auch auf der äußeren, weltlichen Ebene funktionabel und effizient
ist. Ihrer Kommunikation, die die Herrschaft weniger über viele im gesellschaftlichen
Alltag erstellbar und offene Verbrechen praktikabel macht, ohne daß eine unerwünschte
Nachweisbarkeit durch Öffentlichkeit möglich ist. Einer "Geheimsprache" also, die
Informierten etwas sagt und Nicht-Informierte zugleich ausschließt. Denn
Geheimhaltung - wie auch die Aufrechterhaltung eines imaginären Feindbildes der
"anderen", "primitiven", "materieblinden" Menschen (obwohl kaum primitivere
Zeitgenossen denkbar sind als viele derer, die sie sich selbst verpflichtet haben)
sowie die Möglichkeit zu offenen Verbrechen in einer noch nicht rechtlosen
Gesellschaft - basiert auf dem Ausschluß einer nicht-eingeweihten Öffentlichkeit
durch Gebrauch von eigenen Codes, Signalen, Zeichen: einer Geheimsprache, die nur
der unglücklichen Bezeichnung wegen mysteriös erscheint, in Wirklichkeit aber recht
banal ist.
Das einzig "geheime" nämlich an dieser wie allen Geheimsprachen ist nur ihr Prinzip
und Code, und die Information über diese macht ihre Existenz und Verbreitung sofort
augenfällig und plausibel. Mit Geheimsprachen verhält es sich wie mit
Punk-Haarschnitten: Sie sind überall gegenwärtig und sichtbar, jeder kennt sie, misst
ihnen aber keine Bedeutung bei. Erst wenn man weiß, daß der aufrechte Irokesenstreifen
oder die nach allen Seiten abstehenden Igelsträhnen Glaubensbekenntnisse bedeuten, ihre
täglich wechselnden Farben Gemütszustände ausdrücken und Farb-/Formkombinationen
vielleicht soziale Anlässe, erst wenn man den "Code" kennt, "sieht" man statt
nichtssagender Frisuren plötzlich eine "Sprache", "liest" ihre Kommunikation so wie
Punks untereinander auch, kann sich darauf einstellen - und das einzig "geheime" an
der Geheimsprache war nur der eigene Mangel an Information, die Sprache selbst aber
immer schon sichtbar und offenkundig. Und wer da enttäuscht nur ein primitives
Signalsystem erkennt und das, was er als gebildeter und zivilisierter Zeit- und
keineswegs mehr archaischer Stammesgenosse unter "Sprache" versteht und als solche
kennt, in allen wesentlichen Merkmalen und Eigenschaften vermisst, - nämlich die
Möglichkeit zu differenziertem Ausdruck, zu Analyse, präzisen Definitionen und
wirklicher Kommunikation im Sinne von Informationsaustausch zum Zwecke gegenseitiger
Bewusstseinserweiterung und Instruktion -, der sieht sich zu recht ent-täuscht und
erkennt zugleich, was das "geheimste" und "mysteriöseste" an solchen "Geheimsprachen"
ist: nämlich ihr Anspruch, eine "Sprache" zu sein. Und der nur beispielhaft erfundene
Punk-Code ist dabei in keiner Weise dümmer oder archaischer als die "Geheimsprache" der
"Adepten", von der hier die Rede ist.
Denn ganz genau so, genau so "geheim" und genau so substantiell verhält es sich mit
der Sprache und Kommunikation des adeptischen Gangstertums und des gesellschaftlichen
Apparats ihrer allgegenwärtigen (un-)"sanften Verschwörung". Geleistet wird das nur
scheinbar schwierige Unterfangen einer öffentlichen Kommunikation "unter Ausschluß
der Öffentlichkeit" durch diverse Formen von symbolischer Kommunikation, die von
alltäglich-trivial bis okkult-esoterisch reichen können, in jedem Fall aber das
Niveau primitivster Zeichen und Gebärden, mit allen erwähnten Defiziten und
kommunikatorisch-rudimentären Unzulänglichkeiten, nie übersteigen. In
plump-symbolischer Weise wird alles, was ein Mensch an einfachen Alltäglichkeiten
sonst auch tut, sagt, ausdrückt, mit einem zweiten, einem Doppelsinn ausgestattet,
der von dem, der die Mechanik kennt und in ihren Gebrauch eingeführt ist, schlicht
in seinem zweiten Sinn gelesen wird, während er für alle anderen unverständlich oder
banal bleibt, vordergründig trivial oder "normal". Die "Geheimsprache" der Adepten
und ihres Fußvolks, die ein wesentliches Instrument und eine wichtige Basis ihres
öffentlichen und allgegenwärtigen und doch nicht nachweisbaren, dingfest zu machenden
Terrors, von Verfolgung und Erpressung und Tyrannisierung anderer und des Funktionierens
ihres ganzen verbrecherischen Systems darstellt, ist zwar an Aussagelosigkeit,
Primitivität und Verblödungswirkung auf die, die sich ihrer bedienen, kaum zu
überbieten. Ihr Erfolg aber bei buchstäblich "Jedermann" ist genau in diesen Tatsachen
begründet: Nie war es für schlichte Gemüter einfacher, sich "zugehörig" und "überlegen"
zu fühlen, nie war es für jemanden, dessen Intelligenzquotient seiner Körpertemperatur
entspricht, leichter, sich als "informiertes Mitglied einer Elite", das sich einer
Insider-Sprache bedienen und über andere erheben kann, zu fühlen und
darzustellen - wie wenig man auch in Wahrheit von den tatsächlichen Vorgängen
begreift und versteht, wie sehr man auch selbst am (des-) informativen Tropf (s)eines
Adepten-"Gurus" hängen mag. So einfach werden Idioten nützlich - und über diesen
ihren Status erfolgreich hinweggetäuscht.
Die benutzte "Symbol-Sprache selbst besteht im wesentlichen aus drei Kategorien von
Zeichen, die aufeinanderfolgende Entwicklungsstufen desselben Prinzips darstellen:
1. Die ganz normale, jedem Menschen zu eigene Kinesik, also
Körpersprache, die nun halt nicht mehr unbewußt, sondern bewusst und gezielt, als
Kommunikationssymbolik zum Einsatz kommt (Haltungen, Gesten, Mimik, Berührung von
Körperteilen, etc.).
2. Die erweiterte Kinesik, also eine Art Gebärdensprache, die sich
der Elemente der klassischen Kinesik noch bedient, aber bereits durchsetzt ist mit
"schöpferisch" gestalteten Zeichen, Gesten, Gebärden, Verhaltensformen, usw. (Hand
vor die Stirn halten: "Brett vor'm Kopf"; Zeigefinger an Mund: "Fressen wollen" bzw.
"Friß es!"; Finger an Nase: "Riecher haben; etc.). Meist, weil dem schlichten Gemüt der
symbolischen Kommunikatoren entsprechend und geläufig, also bloß gestische
"Übersetzungen" idiomatischer Redewendungen auf Bauernkalender-Niveau. Gelegentliche
"virtuose" Varianten (Finger an Nase kann auch "die Nase raufschieben" statt "Riecher"
bedeuten, etc.) sorgen dabei für die Spannung und Abwechslung, die auch ein Bewusstsein
und Nervensystem vom Raffinement eines Engerlings braucht, um als geistvoll brillieren
zu können.
3. Der "schöpferische" und "freie" Gebrauch aller Elemente von
Wirklichkeit zur Repräsentation eines anderen Sinns, einer anderen Bedeutung als der,
der ihnen natürlich oder gewöhnlich anhaftet. Diese "Symbolsprache" ist kein fester Code,
sondern reicht von einfachsten Handhabungen von Gegenständen auf banaler
Alltagsebene - wie dem Zerreißen eines beliebigen Stücks Papier, um zum Ausdruck zu
bringen, dass man von einer gemachten Äußerung nichts hält (eine der
Lieblingsbeschäftigungen unseres Kanzlers Kohl bei Reden politischer Gegner) - bis hin
zu hochgradig esoterischen Symbolstufen, die nur noch fortgeschrittenen Adepten und
Eingeweihten vertraut und verfügbar sind - wie etwa der gezielte Gebrauch eines
bestimmten Fingers an einer bestimmten Hand, der einen bestimmten Planeten und dessen
Symbolik repräsentiert, oder das Berühren eines Körperteils bzw. Organs, das eine präzise
(qabbalistische) Energie im Persönlichkeitshaushalt bedeutet, oder der Hinweis auf
eines der Chakren im Körper (Joseph Beuys: "Ich denke sowieso mit dem Knie), usw..
Kurz: das Spektrum findet seine Grenze nur im Informations- und Bildungsstand dessen,
der sich dieser Symbole bedient und auf ihrer Ebene "kommuniziert".
Allen Varianten gemeinsam ist aber dieses eklatante Defizit jeglichen intellektuellen
Anspruchsniveaus an "Kommunikation" - und damit dessen Aussagefähigkeit. Ein als
"einfach" missverstandenes, in Wirklichkeit aber bloß rudimentäres Funktions-Niveau
von Bewusstsein bildet alle mühsam erworbenen sprachlichen Fähig- und Fertigkeiten,
sich Wirklichkeit auf höheren Bewußtseinsebenen zu repräsentieren, in sprachlichen
Abstraktionen zu denken und sich mitzuteilen, von Intellekt zu Intellekt (und nicht
von Psycho-Krüppel zu Psycho-Krüppel auf Malbuchniveau), zurück auf Höhlenmaler-Status.
Statt Volksbildung für Zurückgebliebene die Ent-Bildung für Fortgeschrittene, zurück
auf die Bäume und ins Neandertal und zu analphabetischen Gebärdensprachen, wo man mit
Grunzen, Jucken, Schädelkratzen und Hinterteil-Hinhalten als "Kommunikationsspektrum"
seinen Artgenossen alls Bewusstseins- und Lebens-Notwendige mitteilen konnte und darüber
hinaus nichts mitzuteilen hatte - von wirklich erkenntnisspendenden Abstraktionen der
konkreten, sambolisch-vagen Umrißwirklichkeit ganz abgesehen. Das "Zack", "Grunz",
"Fauch" der Comics als gestische Form des Denkens und der Wirklichkeits-Lektüre für
degenerierte Angehörige einer esoterischen "Elite"!
Dieser wie allen Symbol- und Doppelsprachen und ihren Inszenierungen durch
Pseudo-Ereignisse im Alltag ist eines gemeinsam: Sie kündigen den sozialen Konsens
unseres von Kindheit an trainierten und geschulten Kommunikationsbewußtseins und
Wirklichkeitsverständnisses und etablieren eine Art Meta-Ebene, die noch dazu den
Anspruch erhebt und den Schein erzeugt, aufschlussreicher und bedeutender zu sein als
die ursprüngliche. Eben darin liegt ihr fataler Charakter, ihre Gefahr, ihre destruktive
Wirkung - und ihre beliebige Benutzbarkeit und Einsatzfähigkeit für alle kriminellen
und nicht kontrollierten Zwecke und Ambitionen.
Sprachevolutionär gesehen ist die Etablierung solcher Symbolsprachen die Reduktion und
Regression des Menschen auf urzeitlich-primitive Stufen signalhafter Kommunikation, die
ihn aller Kultur und Finesse, aller Komplexität der sprachlichen und damit
intellektuellen Kultur berauben, die er sich in nun vieltausendjähriger Evolution nur
allzu mühsam erarbeitet hat. Der Ersatz der gesprochenen und gedachten Sprache durch
archaische Psycho-Piktogramme transformiert sein Wachbewußtsein in das trancehafte,
von Psychobildern geleitete Traumbewußtsein des somnambulen Schlafwandlers - und
das bei Tage, im "richtigen" Leben. Das ihm als "bildliche Abstraktion" und
"astral-symbolisches Training angediente und verkaufte debile Gestikuliere,
Gebärde und Gehampel anästhesiert seine kritische Intelligenz und reduziert sie auf
eine bloß äffische Schematisierung von Wirklichkeit, die ihr wirklich abstraktes und
damit weit überlegenes, differenzierteres sprachliches Denk- und Kommunikationsvermögen
weit hinter und über sich zurückgelassen hat - und entzieht sich zugleich jeder
kritischen Überprüfung, Verifizierung und Kontrolle, da die so Manipulierten niemals
wirklich miteinander kommunizieren, niemals wirklich in Austausch treten, zueinander
finden und ihre Bewusstseinsinhalte und -haltungen überprüfen können. Sie eröffnet das
endlose Feld der Projektionen: Was nicht ausgesprochen wird, kann auch nicht widerlegt,
als falsch oder diskutiert werden. Die ideale Kommunikationsform für Despoten, die
Menschen in nichts-sagender Pseudo-Kommunikation aufeinander loslassen und die darum
doch nicht zueinander oder zu einem besseren Verständnis finden können: Denn eine
"Kommunikation" (communicare = gemeinsam machen) findet gar nicht statt - nur zwischen
dem befehlserteilenden Despoten und seinen rezipierenden Untergebenen. Der Herr führt
jeden Hund an seiner Leine - nur die Hunde untereinander verbindet nichts.
Und wenn sie nicht gestorben, sich angesichts der wirtschaftlichen, ökologischen und
menschlichen Realitäten auf der Erde und um sie herum nicht (nach dem Insassen-Prinzip
"Don't worry, be happy") um den letzten Rest von Verstand gegrinst oder von einer
immer deutlicher sie widerlegenden Wirklichkeit eingeholt und geweckt worden sind,
dann - "SPUCK", "VERRENK", "HETZ", "KRATZ", "KEUCH" - hampeln sie noch heute, hacken
die Fersen und spitzen die Zehen, dass es die Kniebänder nur so ausleiert, kostümieren
sich im Ganzjahresfasching, dass die Wirklichkeit nur so graut - und folgen ihren an
ihrer Stelle denkenden und noch viel dürcher als sie blickenden Adepten bis ans Ende
der Welt und weit, weit darüber hinaus - dorthin, wo jeder Sinn und Verstand und
alles Denken ein Ende hat und die große kosmische Nacht kein Oben und Unten mehr kennt
und wir alle eins und zusammen und unterschiedslos eine Soße in der dunklen Ursuppe des
Lebens sind und keiner mehr weiß was eigentlich los ist - aber wozu das dann auch
noch. Oder so.
N.A. EICHLER
(© 1996 by the author
Alle Rechte vorbehalten -
All rights reserved)
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"Dem gegenwärtigen System der Dissuasion und der Simulation gelingt es, alle
Finalitäten, alle Referentiale und jeglichen Sinn zu neutralisieren; es scheitert
allerdings an der Neutralisierung des Scheines. Das ist unsere letzte Chance."
(Jean Baudrillard,
Laßt euch nicht verführen!,
Berlin 1983)
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