Kleine Vorschule des World Wide Web

DAS NETZ
DES BEWUSSTSEINS





Bei einem der unvermeidlich regelmäßig wiederkehrenden Jahrestage und Jubiläen, diesmal des Internets, erfreute mich eine Anruferin des HR1 durch ihre luzide Selbstbeobachtung und die damit verbundene -erkenntnis, die das Wesen des Internets ziemlich genau auf den Punkt bringt: "Im Internet kann man Sachen finden, nach denen man früher nicht einmal gesucht hätte." Unmerklich hat sich da in das Bewußtsein der Hörerin die Didaktik des Mediums eingeschlichen, ihm seine Prämissen diktiert - und es auf Fortbildung, Erkenntniszuwachs und Bewußtseinserweiterung, kurz: wiedererweckte Neugier konditioniert.

Ein Befreiungsschlag für das in seiner geschichtlichen Entwicklung immer nur von räumlichen, sozialen, kulturellen, sprachlichen und zeitlichen Barrieren "vertröstete", gelähmte, behinderte und beschränkte Denken und Bewußtsein, das sich zeitlebens mit mehr Restriktionen abzufinden hatte als ihm Optionen zur Erweiterung und Entwicklung geboten worden wären, und das sich daher, als Selbstschutz gegen absehbare Frustrationen, sozusagen als Selbstzensur, im Lauf seiner Entwicklung bereits das Fragen abgewöhnt hatte, das ihm noch als Kind zu eigen war. Fremde Länder und Kulturen ? Zu weit weg, um auch nur eine vage Vorstellung davon entwickeln zu können, samt dem damit verbundenen, von keiner faktischen Realität korrigierten Freiraum imaginärer Konzepte und Phantasien, die ungesteuert wuchern und blühen konnten. Weltereignisse/-veränderungen ökologischer, ökonomischer, ethnologischer, wissenschaftlicher, kultureller, politischer Art ? Dito! Und auch die Einführung moderner Zeitungen und Zeitschriften, die dem Informationsdefizit in Maßen abhelfen konnten, diktierte doch nur immer die Wahrnehmung anderer, der Redakteure und Fotografen, händigte immer nur deren Bewußtseinsausschnitt dem Leser aus und weiter, ohne Anspruch auf Richtigkeit und Vollständigkeit des informativen Prospekts.

Auch die Erfindung der kinetischen Medien, Radio, Film und Fernsehen, änderte daran wenig - erweiterte das Informationspanorama nur tendenziell, nicht prinzipiell. Erstellte weiterhin nur die Übergabe von vorselektierten Informationen und vorgeprägten Wahrnehmungshorizonten an das wissens- und bildungshungrige Publikum, bis hin zu den auch heute noch weltweit dominanten, intentionell vorselektierten und vorgeprägten Bewußtseinsangeboten letztlich informations- und bewußtseinsfeindlicher, irreführender bis verlogener, diktatorischer und ideologischer, politischer wie ökonomischer Systeme. Was außerhalb der Wahrnehmung bleibt, kann kein Denken erreichen, und damit kein Bewußtsein bilden - seien es nun heimliche Folterungen eines Staates in unbekannten Gefängnissen oder verschwiegene, zu hohe Abgaswerte eines angepriesenen Kraftfahrzeugs. Und daran hat sich, dem Internet zum Trotz, bis heute im Prinzip nichts geändert.

Bis auf das Internet selbst. Hier ist nicht nur eine "Stimme" mehr zum Chor, eine Strebe mehr im Fächer des Kommunikations- und damit Informationsangebots, ein "Medium" zu "anderen" "hinzu" gekommen. Hier ist eine neue, alternative Kommunikations- und Informationsstruktur selbst entstanden, die der bisherigen konkurrent gegenübersteht, sie letztlich überragt und überschattet, und am Ende des Entwicklungsprozesses absorbiert haben wird. Und das ändert nicht "etwas" - sondern alles.

Im Internet werden nicht mehr vorselektierte und vorinterpretierte Inhalte und Informationen der Wirklichkeit weitergereicht - im Internet bildet sich die Wirklichkeit selbst medial ab. Die bisher und in anderen Medien zwischengeschaltete "Redaktion" mit ihren einschränkenden, färbenden, manipulierenden, begrenzenden und damit verfälschenden Präsentationsmustern ist weitgehend ausgeschaltet - der Rezipient und Informationsinteressent tritt der informationsgebenden Realität in ihren unselektierten, multiaspektierten Faktoren, und damit unmittelbarer gegenüber, nicht mehr dem Bewußtseinshorizont eines das Ereignis auf seine "Wichtigkeit" reduzierenden und interpretierenden Fach-Simpels, also Kommunikators. In der herkömmlichen Medienwelt wurde Abu Simbel von Ramses II. erbaut. Im Internet sind auch alle 5000 Arbeiter und ihre Lebenshorizonte zu finden, die ihm dabei ein wenig zur Hand gegangen sind, nebst ihren Werkzeugen, Feierabendritualen und persönlichen Betrachtungen des Bauwerks. Welche Darstellung entspricht da mehr der "Realität" ? Und Abu Simbel ist da nur die Metapher für die gesamte, uns heute umgebende planetarische Wirklichkeit.

Das wird keineswegs geschmälert dadurch, daß es doch weiterhin immer noch Menschen sind, die ihren Teil, ihren Beitrag und damit ihre selektive, interpretierende Sichtweise der Welt ins Netz stellen - dieses Restdefizit wird durch die unselektierte, quantitativ potentiell unbegrenzte Vielzahl der Facetten kompensiert, die mosaikartig ein unselektiertes Abbild von Wirklichkeit erstellen. Nicht die Navi-Funktion zielgerichteter Informationsangebote macht den Wert von Google Earth aus - sondern die unselektierte Vollständigkeit des Abbilds, des Zusammengefüges einer Ganzheits-Realität. Der einzige "Redakteur" im traditionellen Sinn ist (endlich!) nur noch der Rezipient selbst, der sich aus dem Abbild der Wirklichkeit seinen persönlichen "Bericht" selektiert, erstellt und formuliert.

Und dies ist nur die "vertikale" Dimension des Koordinatensystems Internet. Die "horizontale" ist der potentiell unbegrenzte Zugang zu Feldern, Bereichen und Ressourcen, die bisher nur - meist beruflichen - Spezialisten oder unermüdlich Weltreisenden zugänglich waren. Seien es Universitätsbibliotheken aller Fakultäten des Planeten, aller Kulturen, in allen Sprachen, oder seien es Publikationen von Wissenschaftlern, die, wenn überhaupt, nur in exklusiven Fachzeitschriften veröffentlicht worden und damit dem größten Teil der Menschheit ein ganzes Leben lang unbekannt geblieben wären. Und das in allen Wissenschaften und Fachgebieten, in allen Interessensfeldern und Wahrnehmungshorizonten, zu allen Themen und Bereichen, die irgendwelche Menschen in irgendeinem Teil des Planeten der Betrachtung für wert finden und aufzeichnen, für potentiell alle anderen Menschen in allen anderen Teilen des Planeten zur Kennntnisnahme.

Dasselbe gilt für alle Aktualitätsmedien wie Zeitschriften, Radio- und Fernsehprogramme. Der lokale, kulturelle Kontext als Wahrnehmungshorizont ist endgültig zum Bewußtseinshintergrund relativiert, der Verfügungshorizont ist grenzenlos: Zu jeder Zeit des Tages ist jede Zeitschrift, jedes Programm, jede Publikation für jeden überall verfügbar und zugänglich. Und zugleich ist die professionelle "Medien"information, die früher die einzige war, nur noch ein komplementäres Feld im Spektrum des Informationsgefüges, nur noch ein qualitatives Spezifikum im Fächer der aus vielen Spezifika komponierten neuen Medienstruktur. Deckten bisherige Medienangebote nur jeweils einzelne Aspekte des menschlichen Bewußtseins- und Informationsverhaltens ab, so deckt das Internet alle zugleich ab - summiert, besser: synthetisiert alle einzelnen Angebote und Angebotsfelder gleichzeitig zu dem neuartigen Generalangebot, das dem Panorama des menschlichen Bewußtseins und seines Bildungsinteresses selbst nahezu vollständig entspricht, in allen Facetten, mit allen Aktivitätspotentialen. Reflektierten bisherige Einzelmedien jeweils nur einzelne Facetten des menschlichen Wahrnehmungs- und Bildungshorizonts und damit Bewußtseins, so reflektiert das neue "Medium" Internet das Bewußtsein selbst, als Ganzes, mit all seinen Facetten. Es stimuliert, durch sein schier grenzenloses Angebot an Antworten, das gesamte menschliche Bewußtseinspotential, Fragen zu stellen, sich zu informieren, das eigene Bewußtsein zu erweitern: "Man kann Sachen finden, die man früher nicht einmal gesucht hätte." Und findet sie in allen Formen und Varianten, in allen Aspekten und Ausprägungen.

Dies kommt vor allem auch in der dritten Dimension des Internets zur Geltung, die nicht nur Aktualität, sondern Historie verfügbar macht: die "Tiefen"-Dimension. In dieser dreidimensionalen Räumlichkeit des vernetzten Informationsangebots ist das Internet ein direkter Spiegel des menschlichen Bewußtseins, imitiert, wenn auch nur technisch begrenzt, die Funktionen und Aktivitäten des menschlichen Gehirns selbst. Zweidimensionales Faktenwissen wird durch die dritte, generative Aspektierung von Wissen vervollständigt - die Herkunft und Entwicklung des Wissens, zugleich seine Vernetzung, seine Bebilderung und filmische Anschauung, seine historische und entwicklungsgeschichtliche Generik, die Gleichzeitigkeit seiner multidimensionalen Komplexität, seine vielfältige, schier unendliche Kontextualität, die interdisziplinär vollständig mit allen anderen Informationsangeboten vernetzt ist und erst das komplexe "Bewußtseinsbild" eines Gegenstands und Sachverhalts zu erstellen vermag, das bisher als Leistung nur dem Gehirn selbst abgefordert und überlassen blieb.

Entgegen aller gestrigen und damit Fehl-Versuche, das Internet als "ein" "Medium" "unter" "andere" einzusortieren (also die Verweigerung des begrenzt zweidimensional konditionierten Bewußtseins, sich komplex dreidimensional zu erweitern und erweiterten Horizonten zu erschließen, die nur in Geistesschwäche und schließlich zum Bewußtseinskollaps führen kann, wie sie Dummköpfe wie Schirrmacher in dieser Fehlkonzeption und -haltung gegenüber einer komplex dreidimensional generierten Kommunikations- und damit Bewußtseinsstruktur zwangsläufig ereilen), ist das Internet als übergeordnetes "Hypermedium" zu begreifen, das summarisch alle darunter liegenden, spezifizierten Medien- und Wirklichkeitsfelder als seine Aspekte beinhaltet und synthetisiert. Und damit irgendwann vollständig abgelöst haben wird - wie der Supermarkt alle Einzelhändler, und die Shopping Mall am Ende alle Supermärkte. Und das Bewußtsein erweitert seine Informationshaltung entsprechend in die Komplexität hinein, die ihm ohnehin als "biologisches Betriebssystem", als unbegrenzt erweiterbares Potential angeboren und in ihm als Funktionsprinzip natürlich angelegt ist, zur panoramischen Wirklichkeitswahrnehmung und Bewußtseinsbildung - so wie man heute "Shoppen" geht und dabei ein vernetztes, multifunktionales Facettenspektrum als Vorstellung verwaltet, und nicht mehr als zweidimensionaler Bewußtseins-Affe den Zweig des Gemüsehändlers ansteuert, um von dem aus hinüberzuwechseln zum Ast des Uhrmachers, und von da zum Stöckchen des Schneiders. Die komplex vernetzte Verfügbarkeit aller Faktoren läßt jeden kausalen Ablauf zu, und die Handlung folgt der sich ständig verändernden Gesamtstruktur.

Und so feiert die Selbstbeobachtung und -wahrnehmung der hellwachen HR1-Hörerin auf ganzer Linie den Triumph, vom "neuen" "Hypermedium" Internet zum richtigen Umgang mit ihm richtig eingewiesen worden zu sein - und ihr Bewußtsein folgerichtig auf "Erweiterung" eingestellt zu haben. Die primitive, lineare Domino-Logik der bisherigen und nach wie vor kulturbeherrschenden, zweidimensionalen Wirklichkeitsbewältigung durch das ein-fältige Bewußtseins ist damit keineswegs aufgegeben und beendet - sondern lediglich eingespeist und untergeordnet in einen dreidimensional vernetzten Bewußtseinskomplex höherer Ordnung, der aus einer Vernetzung aller "darunter liegenden", immanenten zweidimensionalen Logikprozesse besteht, diese logisch strukturiert, gewichtet und verknüpft, und so ein dreidimensionales Bewußtsein erzeugt, das jeden Einzelfaktor seiner wahrgenommenen Realität immer zugleich multifacettiert und multiaspektiert überschaut und bewertet.

Die Komplexität des Internets und seiner komplexen Bewußtseinsanforderungen entspricht dabei näherungsweise den Bewußtseinsanforderungen dessen, was in der traditionellen Mystik vieler Kulturen, insbesondere aber in den universalreligiösen Synthesen der Hippie-Kultur mit "kosmischem Bewußtsein" bezeichnet und als "Bewußtseinserweiterung" verstanden wird (siehe: "Cosmic Consciousness"/QUINTESSENCE, und "To Our Children's Children's Children"/MOODY BLUES). Strukturell-funktional, wohlgemerkt, von der geforderten Kognitionsleistung her betrachtet - nicht inhaltlich verstanden. Ein so, im Internet "trainiertes" Bewußtsein jedenfalls dürfte bei gleich welchen meditativen Praktiken und spirituellen Übungen weit schneller und müheloser zu wertvollen, konkreten Ergebnissen und Leistungen kommen als ein "untrainiertes", flachhirnig-zweidimensionales der immer noch realitätsbildenden materialistisch-bürgerlichen Einfaltspinsel-Kultur.

Die erforderlichen "Informationen" zur Erstellung dieses neuen, erweiterten Bewußtseinpotentials liefert das Internet sinnvollerweise gleich mit - "ernährt" also selbst das durch seine Struktur verlangte und für den Umgang mit ihm erforderliche, komplex erweiterte Bewußtsein mit dem für die Erweiterung notwendigen Material. Verlangt damit jedem Nutzer ein in seiner Erweiterung potentiell unbegrenzt ausbaufähiges "Multitasking" ab, die gleichzeitige Behandlung, Evaluierung und Positionierung aller angebotenen Informationsfaktoren in einem vernetzten und sinnvoll strukturierten Kognitionsgefüge. Oder umgekehrt: Die multiaspektierte, mehrdimensionale Komplexität des Informations- und Anschauungsmaterials bringt zwangsläufig eine Erweiterung der zweidimensionalen Welt- und Wirklichkeits-Verwaltungsstrukturen des bisherigen Fingerabzähl- und Domino-Logik-Bewußtseins mit sich, und wer (sich) an denen festhalten will, ohne auf die neuen Potentialien und Perspektiven zu verzichten, erlebt nur ihre Auflösung bis hin zur Totalverblödung und wird, wie Schirrmacher, irgendwann nur noch in einer Pflegeanstalt dreimal täglich gefüttert und gekämmt werden. Wer das "Multitasking" der komplex vernetzten Bewußtseinsrealität, die sich in der medialen des IT-Zeitalters abzubilden beginnt, entlang des Laufstall-Geländers der vorgestrig-linearen Domino-Logik des "homo erectus" bewältigen und "mitgehen" will, scheitert zwangsläufig nach wenigen "Links" (Synapsen): Sein Laufstall-Gitter löst sich auf, ohne daß ein erweiterter Horizont, eine komplexere Kognitionsstruktur neuen Halt, neue Orientierung böte.

Es sei denn, er lernt doch noch von der HR1-Hörerin und stellt sich neu ein und um. Im Fall von Schirrmacher allerdings scheint es wohl doch eher sein lebenslängliches Schicksal zu sein, immer nur, wenn überhaupt, das Läuten der Glocken zu hören - ohne je zu wissen, wo sie hängen.




N.A. EICHLER


(© 2010 by the author
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"Darin liegt einer der Gründe dafür, daß Journalisten manchmal gefährlich sind: Da sie nicht immer wirklich gebildet sind, wundern sie sich über Dinge, die nicht sehr verwunderlich sind, und über wirklich Staunenswertes wundern sie sich nicht..."

(Pierre Bourdieu,
Über das Fernsehen,
Liber - Raison d'agir, 1996)