E I C H L E R ' S    I N C R E D I B L E    S E A S I T E

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Deutsche Literatur - neu entdeckt:
RUEBEZAHL

Die schönsten Sagen und Märchen
von dem Berggeist im Riesengebirge


RÜBEZAHL - Klassiker-Edition

DIE PERÜCKEN
oder:
Als die Deutschen anfingen, sich zu schämen,
daß sie Spießer waren



Als die Deutschen sich zu schämen anfingen, daß sie Spießer waren, galt keine Kleidung für vornehm oder schön, die nicht aus Amerika oder von den Franzosen kam. Auch die Mode der Haare war aus Frankreich gekommen, und Männer und Frauen trugen Perücken, um entweder ihre grauen oder ihre spärlichen Haare zu verbergen und so noch für jung zu gelten, während ihnen die Zeit doch schon bedeutende Merkmale ihrer Jahre aufgeprägt hatte, die kein Botox mehr vertuschen konnte, oder um überhaupt bemerkt zu werden, was sie auf andere Weise nie erreichen konnten.

Als Rübezahl von diesen Narrheiten hörte, begab er sich in die Stadt, wo immer Jahrmarkt war, und hielt Perücken feil. Bald fand sich auch ein junger Spießer, der gern eine mit Locken gehabt hätte und fragte, ob Rübezahl dergleichen führe. "Genug!" antwortete dieser, "und alle nach der neuesten Art, aber sie sind sehr kostbar."

Der Stutzer betrachtete sich die neuen, schönen Perücken mit Lust, welche Rübezahl aus den Schachteln nahm, und hatte keinen Tadel daran, außer daß sie zu teuer wären. Da zuckte Rübezahl die Achseln und machte Miene, die kostbaren Perücken wieder einzupacken. "Haltet nur," rief nun schnell entschlossen der Stutzer, "wenn mir der Preis auch sehr hoch zu sein scheint und eigentlich meine Verhältnisse übersteigt, so will ich mir doch eine eurer schönen Perücken kaufen. Es wird Aufsehen erregen, werde ich doch der erste sein, der diese neue Mode trägt."

Er bezahlte den hohen Preis ohne Widerrede und ging vergnügt nach Hause. Nun ging es wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt, daß neue Perücken zu haben wären, und jeder Narr, der Geld hatte, kaufte sich einen solchen Putz, so daß der Handelsmann bald alle seine Waren verkauft hatte und die Stadt verlassen konnte.

Des Nachmittags stolzierten die Käufer mit ihren neuen Perücken auf den Boulevards der Stadt umher, und auch der junge Stutzer dachte: "Du gehst auch; wie werden die Leute staunen, wenn sie erst meinen Haarputz sehen!"

Als er nun mit stolzem Schritt und großem Selbstgefallen an den Cafés und Bistros vorübergeht, deren Fenster alle mit hippen, geschminkten Damen besetzt sind, ruft ihm ein Kellner nach: RÜBEZAHL-OPFER (Warmduscher und Süßwasser-Planscher) "Guter Freund! Euch hat wohl jemand einen Schabernack gespielt," und zeigt auf die Perücke. Und zu gleicher Zeit springen alle Straßenbuben um ihn herum, lachend und schreiend, und selbst alte Leute lächeln im Vorübergehen, wenn sie den jungen Stutzer ansehen. Da läuft dieser endlich in einen Laden, sucht den nächsten Spiegel und betrachtet sich entsetzt, denn aus seiner schönen Perücke ist ein leuchtend roter Hahnenkamm geworden. Unterdessen ist es den andern Spießern nicht besser ergangen, denn auch ihre Perücken waren zu einem Geniste von Moos, Laub und Heu geworden, und Lärm und Gelächter hört man in allen Straßen der Stadt.

Wie gut aber auch Rübezahl diesen Spaß durchgeführt hatte, so blieb er doch ohne großen Nutzen, denn noch zu heutiger Zeit schämen sich die Deutschen nicht, den Affen zu machen, um durch Putz das zu überspielen, was ihnen wirklich fehlt, und es täte not, Rübezahl käme wieder, um ein Exempel zu geben.


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